Die zweiten zehn Tage

Tag 11
Lionel Ruffel:
Forever Dekameron“

Es existierte damals – nicht am anderen Ende der Welt, sondern in ihrem Zentrum – nein, keine Insel, sondern eine Stadt, die hieß Florenz. Und wenn überhaupt noch etwas von unserer Welt existiert, so wird sie immer noch so heißen. Sie ist zu dieser Zeit die außerordentlichste Stadt; gemeinsam mit anderen italienischen Städten hat sie, die „an Schönheit alle anderen […] übertrifft“, sich allmählich aus den feudalen Strukturen gelöst und sich ganz dem Business verschrieben. Sie hat sich allmählich – natürlich nicht vollständig, aber weitestgehend – vom Umland mit seinen Dörfern und Schlössern gelöst und ein Netzwerk des Warenhandels ausgebildet. Und von Stadt zu Stadt organisieren Netzwerke Daten- und Warenströme. Das ist eine unumstößliche Tatsache.

Wenn der Warenhandel zunimmt, nimmt in gleichem Maß auch die Datenmenge und die Notwendigkeit zu, sie einem geeigneten Zeichensystem anzuvertrauen. Seit einigen tausend Jahren hat sich dieses System immer weiter perfektioniert und trägt den Namen Schrift.

In diesem langen dreizehnten Jahrhundert also, dem Jahrhundert der italienischen Städte, vervielfältigen sich die Schriftstücke, die sowohl die Handelsprozesse als auch ihre Geschichten aufzeichnen, um so die Warenströme zu steuern und ihnen einen Sinn zu verleihen. Aber nicht alle Ströme – Sie ahnen es bereits – lassen sich von der Schrift/durch die Schrift steuern. Florenz, die Stadt des Handels, die daraus all ihre Macht und ihren Reichtum bezieht, muss auch alle daraus resultierenden Folgen ertragen, als sie im Jahr 1348 vom Schwarzen Tod heimgesucht wird.

Ich weiß nicht, woher Sie kommen, aber bezüglich des Schwarzen Todes sollten Sie sich davor hüten, an unsere kleinbürgerlichen westlichen Gewohnheiten des dritten Jahrtausends zu denken, wenn ich das so sagen darf (bitte verstehen Sie das nicht als Beleidigung, no offence, ich meine das wirklich rein deskriptiv). Fangen Sie also besser nicht an, an Krankenhäuser, Medikamente und Statistiken zu denken, mit denen sich die Ausbreitung der Seuche analysieren lässt, stellen Sie sich keine Zahlen vor, die Ihnen vielleicht Angst machen, wie zum Beispiel ‚hunderte beunruhigende Fälle‘ – das ist alles Kleinkram; wir sprechen hier von einem echten Massensterben, an dem das Bemerkenswerteste ist, dass die Menschheit es überhaupt überlebt hat.

Manche sprechen von hundert Millionen Toten, andere behaupten, dass in fünf Jahren die Hälfte der europäischen Bevölkerung gestorben ist. Das mag übertrieben sein, keine Ahnung, aber wenn man daran denkt, wie unsere aktuellen Fernsehserien schon den Verlust von 3% der Weltbevölkerung oder die Auslöschung von 10% der Bevölkerung eines Landes durch ein anderes Land als werbewirksame Schocker verkaufen, würde wohl niemand auf das Szenario des Schwarzen Todes verfallen – zu abgefahren, zu wenig glaubwürdig wirkt es.

Und doch ist das genau die Situation, mit der wir konfrontiert sind, wenn wir Giovanni Boccaccios Dekameron öffnen, das unmittelbar nach einem solchen Ereignis verfasst wurde – und das ist etwas ganz Neues. So beginnt eine Rahmenerzählung [gemeint ist die Einleitung zum ersten Tag, A.d.Ü.], die ebenso apokalyptisch ist wie sie wesentlich zum Verständnis dessen beiträgt, was wir heute immer noch erleben.

Der Erzähler erklärt, er wolle von der „tödliche[n] Pest“ erzählen in der Hoffnung, dass das Elend letztlich „durch unerwartete Freude beendet“ werde. In seiner Beschreibung geht es ganz um Krankheitsverläufe, Ausbreitungs- und Übertragungsprozesse. Die Gründe für die Seuche sind gleichgültig, und wenn der Erzähler mutmaßt, sie sei „durch eine Konstellation der Himmelskörper entstanden oder aus Gottes gerechtem Zorn als Strafe für unsere schändlichen Taten über die Sterblichen verhängt worden“, dann tut er das nur, weil sich das so gehört, aber das spielt eigentlich überhaupt keine Rolle – Gott und der Himmel sind der Schaum der Tage. Was zählt, ist die Welt, die Erde, die Tatsache der Ausbreitung der Seuche und was sie hervorbringt. Und vor allem: Es halfen „weder Vernunft noch menschliche Vorsichtsmaßnahmen“, keine Sperre, keine Grenze, keine Kontrolle vermochte sie aufzuhalten. Der Erzähler berichtet schließlich, dass sich die tödliche Seuche bei ihrer Verbreitung von Osten nach Westen verwandelte: Während sie den Osten „um eine Unzahl von Menschen beraubt […] hatte“, was an sich schon schlimm genug war, war ihre Wirkung im Westen in gewisser Weise noch schlimmer, indem sie sich gegen die Körper richtete und sie zu monströsen und hybriden Gebilden verwandelte.

Am Ende steht ohne Frage der Tod, aber etwas Anderes ist noch erschreckender: unkontrollierbare Informationsströme, denn ein Virus wie die Pest ist – auf die Gefahr eines scheinbaren Anachronismus hin – nichts Anderes als ein Informationsfluss, der sich ausbreitet, die Körper mutieren und zu Körpern mit Beulen, Flecken und pflanzlichen oder tierischen Attributen werden lässt. Die Pest zerstört das, was menschlich an jedem Wesen ist, die vielfältigen Bindungen (liens et attachements) in jeder Gesellschaft (assemblée). Alles wird durch den Kontakt mit den Kranken kontaminiert, die Krankheit greift die gesunden Körper an – natürlich, das kennt man – aber sie infiziert auch die Kleidungstücke, die selbst zu Überträgern der Seuche werden. Willkommen im Anthropozän: Alles, was lebt, ist vom Menschen kontaminiert! Nach dem Pflanzen- und Tierreich werden bald schon geologische und klimatische Gefüge (ensembles) in Mitleidenschaft gezogen werden. Boccaccio weiß noch nichts davon, aber er hat uns eine vorweggenommene Chronik der Ereignisse hinterlassen. Und vor allem wird bald schon, wie immer in solchen Fällen, die Imagination außer Kontrolle geraten, es wird von allen möglichen Geschichten wimmeln und die Mythokratie wird entgleisen. Denn die sich ausbreitenden Ströme werden von gesampelten, neu abgemischten und in Endlosschleife wiederholten Bruchstücken von Szenarien überholt.

Angesichts der Zerstörung tauchen zwei vorherrschende Szenarien auf, die uns bekannt vorkommen – es handelt sich um die gleichen, mit denen wir es auch heute zu tun haben: Im einen Szenario geht es um die Schaffung einer Blase des Rückzugs und der Verborgenheit inmitten der Katastrophe, im anderen um die Integration in die Ströme zum eigenen Nutzen – jetzt ist es auch schon egal, nehmen wir mit, was geht. Man könnte glauben, das sei eine neue Situation, aber nein, sie ist alt und vielleicht schon von Anfang an dagewesen.

Und ich denke, Sie verstehen meine leise Hoffnung: Das Dekameron ist nicht nur der Text, der unsere gegenwärtige Situation am besten beschreibt, unser Eingeschlossensein, ohne zu wissen, ob noch etwas von der Außenwelt geblieben ist, sondern es bietet uns eine Lösung an, die uns inspirieren oder zumindest helfen könnte. Es gibt also zunächst einmal diese beiden Szenarien.

Boccaccio beschreibt bestimmte Einstellungen und macht sich über diejenigen lustig, die sich damit begnügen, angesichts des tödlichen Pesthauchs mit Kräutern in der Luft herumzuwedeln. Diese armseligen Kreaturen wollen weitermachen, als sei nichts passiert und hoffen auf irgendeine Lösung, wie auch immer sie aussehen möge. Es handelt sich um die Apostel des business as usual. Andere haben dagegen längst verstanden und vertreten die Ansicht „es gäbe keine bessere Medizin gegen Pestseuche als sich davonzumachen“. Man kann nur sagen, dass sie recht haben – oder anders betrachtet natürlich auch wieder nicht, da sie „sich um nichts anderes als sich selbst […] kümmern“ und alles zurücklassen, „die eigene Stadt, die eigenen Häuser, ihre Orte, ihre Verwandten und alle ihre Dinge“. Nach ihnen die Sintflut! Das sind die Parteigänger des Sezessionismus – und wir wissen, wozu das zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts geführt hat. Diese Fanatiker, die sich auf Inseln vor der Küste des Silicon Valley niederließen, nachdem sie es genau wie den Rest der Welt zerstört hatten. Dort hätten sie mit all ihren Milliarden die erlesensten Speisen und Getränke zu sich nehmen können, sofern sie noch über einen Körper und Affekte verfügt hätten, aber nein, diese Verrückten wollten nicht nur den Tod überlisten (tromper la mort), sondern ihn gänzlich beseitigen. An nichts mehr hatten sie Interesse außer an sich selbst und ihrer Verwandlung in kosmische Hyper-Individuen, die nichts mehr mit der gemeinen Menschheit verband. Sie wollten die menschliche Schriftkultur (humanité littéraire) abschaffen: die auf ihre vielfältigen Bindungen gegründete, von der tödlichen Seuche dezimierte Menschheit. Ich habe sogar den Eindruck, dass Boccaccio ihnen gegenüber besonders streng ist (sofern Sie mir gestatten, für ihn zu sprechen), da sie ein fatales Beispiel abgeben, das Beispiel einer vollkommenen und allgemeinen Verwahrlosung.

Nichts hält mehr stand, weder die politische Bindung – „ein Bürger [ging] dem anderen aus dem Weg“ –, noch die Bindung an eine Gemeinschaft – „kaum ein Nachbar [kümmerte sich] um den anderen“ – und nicht einmal die Familienbande – „der Bruder [ließ] den Bruder, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und häufig die Ehefrau ihren Mann im Stich“. All das ist in Florenz drauf und dran zu verschwinden aufgrund der unkontrollierten Ströme und einer entgleisenden Mythokratie. In Florenz bedeutet überall, denn Florenz ist die Welt und die Welt ist wie Florenz. Florenz ist außer sich, nicht so sehr wegen der Pest, die es verseucht hat, sondern wegen der in Florenz enthaltenen Welt, die die Erde verseucht hat. Weder die Kleinstädte noch das Land entkommen der Katastrophe. Die Verwahrlosung ist auch dort die gleiche, auch das Ende der vielfältigen Bindungen sowie – und das ist vielleicht das Unmerklichste, aber Wesentlichste – das Ende einer bestimmten Zeitlichkeit, die dem ländlichen Raum eigen ist. Glauben Sie nur nicht, ich würde die schöne Schäferdichtung auf dem Land der abscheulichen Seuche in der Stadt gegenüberstellen. Einmal mehr bin ich Boccaccio, der sie miteinander verbindet und ausschließlich Kontinuitäten sieht: Wenn die menschliche Schriftkultur städtisch geprägt ist, wie in Florenz, so beginnt sie doch auf dem Land mit der agrarischen Revolution, die den Lauf der Zeit verwandelte und beschleunigte.

Damit das klarer wird, richten Sie den Blick nun einmal weiter zurück, 5.000 Jahre, erweitern Sie den Fokus auf das Auftreten der ersten agrarischen Gemeinschaften und danach auf die ersten Städte. Da sieht man die ersten Formen der Schrift erblühen, denn dieses Werkzeug war für sie ebenso notwendig wie tödlich. Man sieht weiter die ersten totalisierenden Fiktionen (Religion, Wirtschaft, Politik, Kunst) entstehen – und das ist der Knackpunkt, denn die ersten totalisierenden Fiktionen überlisten nicht den Tod, sie verwalten ihn bloß, ohne etwas von ihm zu wissen. Gleichzeitig arbeiten die Sprache und die Schrift in ihrem Inneren, um sie zu unterwandern (détourner). Aber so etwas gelingt seltener, als dass es scheitert. Alles wirkt zusammen, und genau das ist es sicherlich, was uns stört und beunruhigt: die Entstehung des Ackerbaus, der Stadtstaaten, der Schrift und der Literatur erfolgen fast gleichzeitig, die neue urbane Welt, die aus der agrarischen Revolution hervorgeht, ist ihrem Wesen nach eine Mediokratie, Steuerung von Flüssen und Daten, Externalisierung des Gedächtnisses, Quantifizierung und Fiktionalisierung der Austauschprozesse, mit denen Bindung geschaffen und Ordnung bewahrt wird. In ihrem Inneren agiert man wie Ärzte, Schamanen und Dealer, man weiß, dass alles eine Frage der Dosierung ist, denn der Goldene Schuss und die Überdosis sind nie weit entfernt. Sie wissen das am Beginn dieses 21. Jahrhunderts, wo man diese tödliche Logik weiter als je zuvor ausgereizt hat. Aber ich verliere den Faden und komme zu Boccaccio zurück.

Man könnte meinen, es ist vorbei, das war’s, zu spät – aber nein, es ist nie zu spät, hören Sie dem Erzähler zu, er wirkt erschöpft, außer Atem: „Was soll man noch sagen“? – ja, genau, was gibt es noch zu sagen? Aber die Frage ist nur rhetorisch, er sammelt seine Kräfte, denn das Wunder steht noch bevor. Und dann ereignet es sich – so drückt er es aus, denn genau so kommt es zu Wundern, zufällig, ohne dass man sie vorhersagen könnte.

Es ereignet sich in einer verlassenen Kirche – stellen Sie sich die Szene einmal vor – in Gestalt einer Begegnung zwischen sieben jungen Damen, die, darauf legt der Erzähler Wert, „einander durch Freundschaft oder Nachbarschaft oder Verwandtschaft verbunden waren“. Keine von ihnen, so fährt er fort, „war älter als achtundzwanzig oder jünger als achtzehn Jahre“. Es handelt sich also weder um verheiratete Frauen, noch um Mütter – obwohl sie dies in diesem Alter und zu dieser Zeit eigentlich sein müssten. Boccaccio versieht sie mit eleganten Pseudonymen, um sie uns vorzustellen, und er macht sich einen Spaß daraus, sich uns gegenüber als Verteidiger ihrer Tugend auszugeben. Der wahre Grund ist jedoch ein anderer. Sie bringen Geschichten mit, sie sind Autorinnen, sie stellen zusammen, verbinden, synchronisieren: Sie sind nicht mehr einfach nur junge Damen, sondern sie überlisten den Tod – und das ist schon ein Pseudonym wert.

Eine von ihnen, Pampinea, ergreift das Wort. Sie hält eine der schönsten Reden zur Überlistung des Todes, die in unserer Geschichte überliefert ist. Sie sagt: „Ein jeder, der in diese Welt geboren ist, besitzt das natürliche Recht, sein Leben zu fördern, zu bewahren und zu schützen.“ Sie rät uns, „ohne jemanden zu verletzen, Mittel [zu] ergreifen, um unser Leben zu erhalten“. Sie sagt uns, dass unsere Haltung befremdlich ist, da wir dies vergessen hätten und diese Mittel nicht einsetzen würden. Und, dass wir verharren, als wollten wir bloß Zeugen des Unglücks und der sich immer höher stapelnden Berge von Leichen sein. Und, dass wir im Bann der örtlichen Klosterbrüder stünden, der mythokratischen Kleriker, „deren Zahl auf weniger als wenige zusammengeschmolzen ist“ und die „ihre Gebete zu den vorgeschriebenen Stunden singen“, um hier noch unsere Trauerkleidung vorzuführen. Geschichten, immer diese Geschichten, die wir nicht mehr hören wollen. Schlimmer noch: Die Gedanken daran suchen uns bis in unsere Gemächer hinein heim, wo wir glauben, „die Schatten der Dahingeschiedenen zu sehen – aber nicht mit dem vertrauten Aussehen, sondern in einer [uns] unerwartet beängstigenden und schrecklichen Erscheinung.“

Dann beginnt der Aufstand: „Und wenn es so ist, wie es ist, was tun wir noch hier, worauf warten wir?“ Vor allem aber: „[W]ovon träumen wir?“ Selbstverständlich schlägt der Tod zu, schlimmer aber noch: unsere Einbildungskraft ist betrogen. Sie muss wiederbelebt werden durch neue Träume. Sie [Pampinea] teilt uns mit, dass wir weg müssen, dass wir keine Wahl haben, dass man nicht mit einer beschädigten Einbildungskraft weitermachen soll, dass es nichts nützt, Fiktion an Fiktion zu reihen; sie trägt uns auf, uns an den schlimmen Beispielen anderer zu orientieren und anzufangen, die Formen der Katastrophe genau zu beschreiben, und dann rät sie uns, wegzugehen, mit der Stadt zu brechen, einen Rückzugsort zu suchen, ein Basislager. Wir brauchen diese Ausweichbewegung, um etwas Neues zu gründen, was in den Zentren nicht möglich ist; man muss dafür die Stadt verlassen. Daraufhin gibt Philomena, „die sehr gescheit war“, zu bedenken, dass dieser reizenden Gesellschaft nur noch ein paar Männer fehlten. Elisa stimmt zu und in diesem Moment kommt es zu einem Wink des Schicksals, denn es betreten die Kirche Santa Maria Novella drei junge Männer, „von denen der jüngste wohl nicht weniger als fünfundzwanzig Jahre zählte“. Eine schöne Gesellschaft, bestehend aus sieben Damen und drei jungen Männern – so kann es losgehen.

Hören Sie Pampinea zu, wie sie uns in ihrer unendlichen Weisheit mitteilt: „Wir wollen uns vergnügen – aus diesem Grund sind wir dem traurigen Elend entronnen.“ Pampinea denkt nur daran, „unserem Vergnügen Dauer zu verleigen“ und meint, „dass wir uns […] auf einen Prinzeps einigen sollten“. Ich merke, wie Sie zusammenzucken: Wie, wieder jemand, der herrscht? Kommt nicht in Frage – alles, nur das nicht! Aber nicht doch, darum geht es überhaupt nicht. Lassen wir Pampinea ihren vollständigen Plan entwickeln:

„Damit ein jeder das Gewicht dieser Verpflichtung und den Genuss des Vorsitzes spüre, und damit, wenn dies der Fall ist, keiner von uns neidisch werden kann, schlage ich vor, dass einem jeden die Verpflichtung und die Ehre zusteht. Wer heute der erste sein soll, liegt in unser aller Wahl; an den kommenden Tagen wird, wenn der Abend niedersinkt, derjenige oder diejenige, die die Herrschaft an diesem Tag innegehabt haben, den Nachfolger oder die Nachfolgerin auswählen. Für die Dauer der Herrschaft bestimmt und verfügt der oder die Ausgewählte nach seinem Willen, wo und wie wir miteinander leben.“

Sie legt von Anfang bis Ende Wert auf Freiheit: Freiheit, etwas vorzuschlagen, es anzunehmen oder, falls nötig, auch abzulehnen. Wir haben das Glück, einem politischen Live-Experiment beizuwohnen. Und das könnte schon ausreichen, um uns glücklich zu machen, nachdem wir dies so sehr entbehren mussten. Aber sie geht noch weiter und schlägt vor: „Hier ist es angenehm kühl […]. Wollte man aber meinem Rate folgen, so sollten wir […] uns […] Geschichten erzählen, wobei ein Erzähler der ganzen Gesellschaft, die ihm zuhört, Vergnügen bereitet.“

Sich die heiße Zeit des Tages vertreiben, darum geht es also, die Hitze brennt und verzehrt uns: Das Feuer ist überall. Wir wissen, dass die Worte Pampineas viel tragischer sind als es scheint; wir wissen, dass sie sich von allen anderen Optionen unterscheiden, die Boccaccio zuvor erörtert hatte, sowohl von den Vertretern des „Nach mir die Sintflut“, als auch von den spalterischen Sektierern. Wir wissen, dass die Novellen des Dekameron die Macht des Erzählens gegen die partiellen Formen von Schriftlichkeit in Stellung bringen, allen voran gegen die Algorithmen, die uns inzwischen beherrschen. Wir wissen aber ebenso, dass die Fiktionen, um deren Erzeugung es geht, selbst partiell sein müssen, vorübergehend und immer erneuerungsbedürftig, dass sie aufeinander abgestimmt, miteinander verknüpft und immer weiter gepflegt werden müssen. Wir wissen, dass wir dabei sind, uns eine Spritze zu setzen und dass eine falsche Dosierung uns umbringen könnte. Unsere Hoffnungen sind nicht unverhältnismäßig groß, nichts ist gewiss, aber haben wir nicht schon mehrfach die Erfahrung gemacht, meine Freunde, dass dieses Verfahren zumindest zeitweise funktioniert hat? Warum also nicht ein weiteres Mal? Und warum nicht dieses Mal? Und so wandte Pampinea sich Panfilo zu, „der ihr zur Rechten saß, und bat ihn freundlich, er möge mit einer seiner Erzählungen den Anfang machen. Panfilo vernahm die Aufforderung und begann, da alle auf seine Worte warteten, unverzüglich wie folgt: …“


Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte und überarbeitete Fassung eines Kapitels aus Lionel Ruffel: Trompe-la-mort. Paris: Verdier 2019; die Übersetzung stammt von Jörg Dünne und erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Eine überarbeitete französische Fassung des Kapitels ist am 21. März 2020 online in der Zeitschrift lundimatin #234 erschienen. Alle deutschen Zitate aus dem Dekameron stammen aus der Einleitung des Ersten Tages in der Übersetzung von Peter Brockmeier (Giovanni Boccaccio: Das Decameron. Stuttgart: Reclam 2012, 29-49), mit gelegentlichen stillschweigenden Korrekturen an Stellen, an denen die Übersetzung des Zitats eine wörtlichere Anlehnung an das italienische Original erfordert. Ein besonderer Dank der Initiator*innen des Triakontameron geht an Irene Albers (Berlin) für die Vermittlung des Textes.


Lionel Ruffel // Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie „création littéraire“ an der Université Paris 8. Er arbeitet auch als Verleger und Schriftsteller, insbesondere bei den éditions Verdier, wo sein letztes Buch Trompe-la-mort (2019) erschienen ist. Sein vorangegangenes Buch, Brouhaha, les mondes du contemporain (Verdier, 2016) wurde in englischer Übersetzung bei Minnesota Press (2018) publiziert. Zu seinen jüngsten Literaturförderungsprojekten gehört das literarische Internetradio Radio Brouhaha.




Tag 12
Volker Häring:
Warteschlangenblues

„Hallo Papa“

„Hallo Sarah“

„Hallo Volker“

„Hallo Herr Häring“

Das war Sarahs Lehrer. Sarah hat virtuelle Hofpause, per Videokonferenz. Und jetzt starren mich alle an. Nicht besonders verwunderlich, weil ich gerade aus der Badewanne komme und mein Bademantel offen steht. Nun kennt also Sarahs Klasse meine nackte Vorderseite. Nun gut, bis die Kinder wieder in der Schule sind hat das jeder vergessen. Wie lange noch? Vier Wochen? Acht? Nora, meine andere Tochter, singt gerade Hotel California. „You can check out any time you like, but you can never leave!” Passt. Das Netz bricht zusammen, der Bildschirm ist schwarz. Sarah dreht sich zu mir um. „Zieh dir was an, Papa!“, sagt sie. Und streicht die Croissant-Krümel von ihrem Schlafanzug.

Mein Blick fällt auf die drei Großpackungen Klopapier, die sich bei uns im Bad stapeln. Drei Wochen haben wir gesucht, und dann haben wir beide am gleichen Tag eine Packung ergattert und meine Frau hat noch eine Packung für eine Freundin mitgenommen, die dann aber keins mehr brauchte, weil ihr Ex-Mann zwei Großpackungen aus Polen mitgebracht hat, mit dem letzten Zug, der noch fuhr. Geschichten wie aus dem Krieg.

Kann man das vergleichen? Darf man das? Wir sind die Generation, die keinen Krieg, keine Not kennt. Jedenfalls nicht aus eigener Erfahrung. Wir können nicht glauben, uns kaum vorstellen, dass die Welt, die uns so gegeben, so unveränderbar vorkommt, plötzlich nicht mehr die gleiche sein soll. Aber wird sie das? Haben wir morgen das bedingungslose Grundeinkommen oder nutzt der Neoliberalismus die Krise, um nochmal richtig Gas zu geben? Ich nehme mir vor, Naomi Kleins „Shock Doctrin“ nochmal zu lesen. Rettet die erzwungene Verlangsamung, das fast vollständige Erliegen des Flugverkehrs uns den Arsch vor dem Klimawandel, oder blasen nicht das Binge-Watching und all die Videokonferenzen noch mehr CO2 in die Luft? Wir wissen es nicht. Ich weiß es nicht. Derweil starre ich auf meine Warteschlangennummer, weil ich ja erst einmal dahin kommen muss, ans Ende der Coronakrise, und das wird wohl viel Geld kosten. Warteschlangennummer 29.296 auf der Webseite der IBB, einer Bank, von der ich bis vor drei Wochen nichts wusste.

Drei Großpackungen Klopapier haben wir. Und falls hier jemand auf dumme Ideen kommt: Wir haben auch ein gutes Sicherheitsschloss. Das war aber der letzte Klopapierwitz, versprochen. Klopapier ist ausgelutscht. Auch kein schönes Bild.

Hefe ist das neue Klopapier. „Nur noch fünf Packungen habe ich bekommen!“, beklagt sich eine Freundin am Telefon. Aber wozu Hefe, wenn das Mehl fehlt? Und wozu fünf Packungen? Machen morgen alle Bäcker zu? Übermorgen die Supermärkte und dann schmeißt die ganze Regierung uns den Laden vor die Füße, weil sie keine Lust mehr haben, aber auch ihr kollektives Versagen einsehen?

Mitte April wäre ich mit dem geschätzten Kollegen Christian Y. Schmidt nach China geflogen. Dem Langen Marsch wollten wir mit dem Fahrrad folgen, auf den Spuren von Mao und Otto Braun. „So weit die Füße radeln“. Ist jetzt verschoben, vielleicht bis Herbst. Aber welchen Herbst? 2020? 2021? Wir wissen es nicht. Christian hat die Coronakrise in China ausgesessen, und sitzt sie jetzt wieder in Berlin aus. Er hat als einer der wenigen frühzeitig vor Corona gewarnt, aus der epidemiebewährten Wohnung in Peking. Hat sich über den laschen Umgang der deutschen Behörden gewundert und ist jedes Mal auf Facebook verbal in die Luft gegangen, wenn Jens Spahn mal wieder etwas von sich gegeben hat. Dafür darf er sich jetzt von Bild-Vorstand Döpfner „Gesundheitsminister der Herzen“ nennen lassen.

Aber war das nicht auch eine Self Fullfilling Prophecy? Ist der chinesische Weg wirklich der einzige? Wer das bestreitet bekommt inzwischen eins in die Fresse oder selbst Corona. Darf man das den Herren Merz und Johnson gönnen oder gar an den Hals wünschen?

Wie gefährlich das Virus ist, weiß ich nicht, und ich habe beschlossen, mich an dieser Diskussion nicht mehr zu beteiligen. Was ich aber weiß: Wenn das hier vorbei ist, werden wir eine breite Zustimmung zur Handyortung, zu Überwachungskameras, zur Einschränkung persönlicher Freiheiten, zur Abschaffung des Bargeldes (Virenschleuder!) haben. Dazu ein paar Millionen Arbeitslose mehr, Menschen, die ihre Ersparnisse, so sie denn welche hatten, aufgebraucht haben. Wäre ich Faschist, ich würde mich darauf freuen.

Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.

Vielleicht sollten wir uns allen (sind wohl mehr als 100.000 Antragsteller auf „Soforthilfe 2“) eine Poolnudel umbinden und in 1,5 m Abstand in Richtung Kanzleramt marschieren. Aber da ist ja niemand zu Hause.

Aber literarisch, da gibt Corona doch was her! Der Fitzek arbeite garantiert schon an einem Thriller. „Corona auf Platz 13 a“ oder so. Es werden reihenweise Menschen umgebracht, die jeweils auf Sitzplatz 13 a eines Rückholfluges saßen. Die Spur führt in ein Auffanglager, wo dann schließlich die Hauptfigur mit dem mutmaßlichen Mörder in Quarantäne landet. Ok, das kann der Fitzek besser. Wir werden es nächstes Jahr lesen.

Ich könnte auch meinen Inspektor Wang als Spin-off zu meinem Krimi „Beijing Baby“ in einem von Corona stillgelegten Peking ermitteln lassen. Da sitze ich gerade dran. Komme aber nicht weiter, weil ich dieser verdammten digitalen Warteschlange nicht traue. Was, wenn die plötzlich um 10.000 nach vorne springt, ohne dass ich es merke? Ich starre auf dieses doofe weiße, aufreizend andächtig laufende Männchen auf der Homepage der IBB, wie ich auch jeden Morgen auf den Fallzahlenticker der South China Morning Post starre.

Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.

Wie wäre es mit einem Corona-Blues – „Breathe in smooth – it’s the Corona Blues”. Außer dem Refrain fällt mir aber gerade nichts ein.

Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.

Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.

Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.

Man könnte auch etwas nach dem Vorbild des Decamerone machen, jeden Tag eine andere Geschichte, von verschiedenen Autoren. Könnten wir Triakont…

Ach ne, gibt es ja schon.


Volker Häring // aus Nordbayern stammender Sinologe und als Gründer des Radreiseveranstalters China by Bike direkt von der Coronakrise betroffen; arbeitet auch als freier Journalist und Schriftsteller, u.a. Autor des Romans Beijing Baby (2016), außerdem Sänger und Gitarrist der Band Alptraum der roten Kammer, die chinesische Rockmusik auf deutsche Bühnen bringt.




Tag 13
Erik Porath:
Stille Feiung – die Wunschvorstellung der Stunde

Immunität ist das, wonach sich die Leute heute, in pandemischen Zeiten noch ohne verlässliche medizinische Hilfsmittel, besonders sehnen – und „stille Feiung“, so der „schöne alte medizinische Begriff“,[1] erscheint als der ultimative Traumpfad dorthin: eine wie von selbst laufende, unmerkliche Unangreifbarkeit des Körpers, der die Fähigkeit zur Bekämpfung von Erkrankungen aus sich selbst mit Hilfe seines Immunsystems zum Einsatz bringt, ohne daß wir noch etwas Besonderes dafür tun müßten, ja der – ganz ohne unser Wissen – unsere Gesundheit erhält und sogar Vorsorge trifft, nämlich Immunität für die zukünftigen Fälle des Auftretens desselben Krankheitserregers bereitstellt.

Dies klingt wie ein Märchen aus uralten Zeiten und entspricht jenen Bedürfnissen nach Unversehrtheit, die vielleicht nicht nur in der menschlichen Gattung verbreitet sind. Leben, über das wir uns zumeist keine Gedanken machen, solange es gut läuft, geht jetzt nicht mehr seine gewohnten Gänge. Das Virus geht um und nun geht es ums Überleben. Weiterleben wird normalerweise nicht nur erwartet, sondern im Allgemeinen als erwartbar angesehen. Erwartbarkeit des Lebens muß angenommen werden können, damit sich auf friedliche Weise eine Normalität im gesellschaftlich-kulturellen Zusammenleben einstellen kann und – dafür ebenso wichtig – das Gefühl von Sicherheit bei jedem Einzelnen. Und trotz aller Vorkehrungen: Unerwartetes läßt sich nicht ausschließen.

Mythisch an den Vorstellungen der stillen Feiung ist das Heil, sind die Vollständigkeit und Endgültigkeit der Heilung bzw. die Omnipotenz an Heilkraft, die eigentlich nur eine Schutzgöttin, die märchenhafte gute Fee, gewähren könnte. Feiung als Wunschbild bleibt also diesem ursprünglich „schicksalsgegebenen Schutz“[2] verpflichtet. Wundersam erscheint auch die Stille: Medizinische Fachbücher sprechen von „asymptomatischer, inapparenter oder stummer Immunantwort“, die der Körper erworben hat, ohne daß das von ihm getragene Bewußtsein oder ein externer Beobachter irgendeine Notiz davon genommen hätten. Sie erweist sich erst beim nächsten Epidemieausbruch als Unversehrbarkeit einzelner Körper durch den Erreger, der andere wahllos hinrafft.

Sich auf stille Feiung zu verlassen nach dem Motto: Mutter Natur wird schon wissen, was zu tun ist, ist heute fahrlässig, mindestens naiv. Worauf macht uns dieses Wunschbild von Unversehrbarkeit aber zudem aufmerksam? Daß wir offenbar nicht mehr in Zeiten leben, in denen das Wünschen allein noch geholfen hat; und darauf, wie viel nötig ist, damit die Überlebenschancen gewahrt werden bzw. sich irgendwann für alle, auch die besonders Gefährdeten, deutlich erhöhen. Was ist der Preis? Ist es nur Zeit, die wir investieren, besser: verausgaben, wenn wir das gesamtgesellschaftliche Leben einschränken, auf Entschleunigung und Homeoffice setzen, um den Körperkontakt zu minimieren? Oder ist es mal wieder das „liebe/scheiß“ Geld, das nicht mehr verdient werden kann, weil Dienstleistungen nicht mehr abgefragt und Konsumgüter nicht mehr ver- und gekauft werden, auf die man zur Not verzichten kann? Umwelt-, besonders jedoch Klimaschutz und eine allgemeine Ressourcenschonung sind immerhin Kollateralgewinne, mit denen vor Monatsfrist kaum jemand zu rechnen wagte – nicht einmal die Engagiertesten der Fridays for Future. Aber die Pandemiekrise zeigt, was, wenn nötig, möglich ist. Das sozial-psychologische Paradox ist das Gebot der Stunde: Solidarität durch Distanz, oder: Weniger körperliche Nähe, mehr soziale Anteilnahme! Tele-Phonie und Skypen erleben eine Aufwertung, da die Email das Gespräch face to face und just in time nicht aufwiegt. Es ist die Stunde der Medien der Distanz. Früher hätte man Briefe geschrieben oder Telegramme versandt. Das Gemeinschaftliche muß kompensiert werden, so gut es eben geht. Dazu können alle sogenannten Kulturkonserven herausgeholt werden, die die Öffentlich-Rechtlichen in ihren Archiven haben – manches davon hat keinerlei Verfallsdatum und ist spannend wie bei der Uraufführung.

Es ist das Ausbleiben der Feiung, das uns mehr als beunruhigt, nämlich in reale Gefahr bringt: Gegen den Trend von Verschwörungstheoretikern, die alles für eine gesteuerte, geheim vorbereitete Seuchenkampagne einer verschwiegenen Weltregierung zur Dezimierung der Bevölkerung halten, oder von Krankheitsverharmlosern und -leugnern, die diesen Ausnahmefall zu jener Normalität erklären, die alle Jahre durchs Land ziehe (Grippe!), einschließlich der Tausenden von Toten, die niemanden mehr aufregen[3] – entgegen solchen Verwirrten bzw. Verwirrungsstiftern können, ja müssen wir lernen, daß Corona eine neue Wirklichkeit ist, wenn auch die Erreger nicht sichtbar, ertastbar, schmeck- oder riechbar sind. Zudem können wir einsehen, daß es sich nicht um eine schicksalhafte Fügung höherer Mächte handelt, der wir ohnmächtig ausgeliefert sind, sondern umgekehrt wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen, wenn wir auch nicht alles werden bewältigen können. In der Tat: Wir können etwas erreichen, wir sollten versuchen zu steuern, zu lindern, wo nötig, und werden dennoch nicht alles in den Griff bekommen. Es wird auch eine Zeit der Verluste und der Trauer sein. Diese existentielle Belastung darf uns nicht zu sehr niederdrücken, gar lähmen, weil wir die Zeit sonst noch schlechter überstehen, als wir es eh schon tun. Ja, wir haben nur begrenzte Ressourcen; ja, wir sind gefährdet – trotz Hochtechnologie und kostenintensivem medizinischen Betrieb. Aber eben nicht vollkommen hilflos: Die Anrufung höherer Mächte oder eines dunklen Schicksals, das über uns verhängt wäre, hilft uns gegen das Virus nicht weiter. Forschung voran, Vorsichtsmaßnahmen beherzigen, soweit wir um das Nötige Bescheid wissen – so müssen die Devisen lauten. Ein insgesamt praktisch-angemessenes Verhalten ist gefordert: Händewaschen geht vor Beten, Mundschutz vor hysterischem Geschrei und Einkaufen für die gehandicapten Nachbarn vor Hamstern!

Dadurch wird niemand an der Ausübung seiner religiösen Überzeugungen gehindert; und natürlich muß man auf die Wahrung der bürgerlichen Grundrechte achten. Die zur Seuchenbekämpfung erlassenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens sind nur vorübergehend, aber als solche gerechtfertigt. Keiner der Verantwortungsträger in Deutschland verbindet damit eine Veränderung der Grundfesten der Demokratie. Darauf können sich alle Bürger*innen verlassen, auch wenn die jetzigen Regelungen sie in ihrer Bewegungsfreiheit und Berufsausübung stark einschränken. Abstand halten wird zur ersten Bürgerpflicht, nicht jedoch Hirn ausschalten.

Aber in zweiter Hinsicht sind die psychische Ausgeglichenheit der Einzelnen, soziale Verabredungen und kultureller Austausch genauso wichtige Faktoren zur Bewältigung der Krise. In der Konsequenz müssen wir lernen, mit Distanz, ja Isolation umzugehen. Kultureller, mediengestützter Austausch kann die Einsamkeit erträglich machen: durch Ablenkung, aber auch durch Konfrontation. Blaise Pascals Ausspruch: das ganze Unglück der Menschen rühre allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen, hat mit Corona nicht nur eine vielzitierte Aktualität gewonnen, sondern ist möglicherweise auch als Drohung zu verstehen. Kluge Mediendiätetik wird gefordert, seit über den Gebrauch von Medien nachgedacht wird, und solange man noch zum Sporteln allein rausgehen darf, sollte das genutzt werden zur Stärkung der Gesundheit. Aber „stille Feiung“ geschieht auch geistig: beim Lesen, querbeet durch die Regale und Downloads, in gezielter Begegnung mit Texten. Der eindringliche Kontakt mit besonderen Figuren, deren Schicksal uns die Autor*innen so schildern, daß wir uns in ihrem wiedererkennen, mal mehr, mal weniger, können für unser Leben hier und jetzt aufschlussreich werden. Einer von ihnen ist Hans Castorp, wohl der bekannteste Protagonist einer stillen Feiung, den Thomas Mann im Zauberberg weltberühmt gemacht hat. Castorp, der aus seiner norddeutschen Heimat eigentlich nur auf drei Wochen seinen lungenkranken Cousin in den Alpen besuchen will, konsultiert wegen eines Katarrhs den Arzt des Sanatoriums. Der Doktor diagnostiziert mit den ihm 1907 zur Verfügung stehenden modernen Methoden und Apparaten tuberkulös vernarbtes Lungengewebe: ein Grund für den zunächst verlängerten Aufenthalt, dann das dauerhafte Verbleiben im Lungenheilsanatorium für ungezählte sieben Jahre. Castorp, der sich in Madame Chauchat verliebt, philosophische Dispute und zweifelhafte Sanatoriumszeitvertreibe miterlebt und überhaupt eine durchaus erträgliche, aber nie zum Ende kommende Rekonvaleszenz durchlebt, stellt die Diagnose nicht wirklich in Frage.[4] Der Verbleib im Krankenstand ist für ihn ausgemachte Sache. Das ist der entscheidende Unterschied zu unserer Situation: Wir können mit einem Ende der Pandemie im erwartbaren Zeitrahmen rechnen, wir kennen nur den genauen Zeitpunkt nicht. Und wir müssen auch nicht mit einem düsteren Weltkriegsszenario rechnen, das Thomas Mann aus der Rückschau des Erzählers nur andeutet. Literatur ist keine Medizin und Lektüre keine Therapie, aber den in die Irre gehenden Illusionen einer zauberhaften Unversehrtheit, verschwörerischer Deckwahrheiten oder eines plötzlichen Verschwindens der Seuche wirken sie mit ihren mitreißenden Gedankenexperimenten und beharrlichen Reflexionen ebenso entgegen wie der gegenwärtigen schwierigen Isolation, auch wenn wir uns wohl nicht auf biblische oder zauberbergische sieben Jahre einstellen müssen.

Aber auf eine längere Frist, die nach Monaten zählt. Diese Zeit verstreicht nicht in Untätigkeit: An Abhilfe wird wissenschaftlich gearbeitet, finanztechnisch steuert der Staat gegen die Folgen der sich abzeichnenden Rezession, die Prioritäten im Gesundheitssystem werden anders gesetzt – all dies wird nicht ausreichen, um alle Schäden zu verhindern, aber es ist das, was getan werden muß, damit Schlimmeres verhindert wird. Die Lebensfähigkeit einer Gesellschaft, die den Namen auch verdient, zeigt sich in ihrem Zusammenhalt angesichts von Bedrohungen: Dem Tod in Gestalt eines Virus gemeinsam zu trotzen und niemanden billig preiszugeben, ob jung oder alt, arm oder reich, sittsam oder freizügig, religiös oder atheistisch, faul oder fleißig, politisch oder uninteressiert, wird so zum Prüfstein für jedes demokratische Gemeinwesen, das niemanden, der dazu gehören will, im Stich lassen darf. Die sozialen Systeme sind das Unaufgebbare, auf das wir unser Vertrauen setzen müssen, können und sollten, jedoch ohne unkritisch zu werden. Aber ebenso gefragt ist unser Zutun, das richtige, angemessene Verhalten jedes Einzelnen, eine gewisse Aufmerksamkeit für das, was nötig und wünschenswert ist, ohne das die Systeme nicht vernünftig zu funktionieren vermögen. Deshalb sind alle gefordert, jeder nach seinen Möglichkeiten und entsprechend seinen Fähigkeiten. Anders läßt sich unsere Freiheit als endliche, soziale und individuelle Wesen nicht verwirklichen.


[1] An diesen „schönen alten medizinischen Begriff“ hat Christian Drosten im 21. Corona-Podcast im NDR Info vom 24.03.2020 erinnert. Vgl. a. Meinhard von Pfaundler: Ueber stille Feiung (erläutert an dem Beispiel der Heine-Medinschen Krankheit). J. F. Lehmann 1928 [14 Seiten].

[2] „Das Substantiv Feiung ist aus dem transitiven Verb feien abgeleitet, was so viel wie ‚schützen’ bedeutet (gegen etwas gefeit sein). Es stammt vom mhd. Wort Fei(e) für eine ‚Fee’, eine Schicksalsgöttin; Feiung bedeutet also ursprünglich ‚schicksalsgegebener Schutz’.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Stille_Feiung).

[3] Deshalb erfreut sich die Formel von der stillen Feiung leider unter Impfgegnern großer Popularität: Der menschliche Organismus ‚wisse’ sich von selbst am besten gegen Krankheitserreger zu wappnen, wird da behauptet. Impfen sei ein künstlicher Eingriff, während doch die Natur für sich selbst sorge, seit Jahrtausenden. – Dagegen fragen wir: Gehört der Mensch zum unabdingbaren Bestand der Natur?

[4] Johannes Türk: Immunität der Literatur. Frankfurt a.M.: S. Fischer Wissenschaft 2011; zu Thomas Manns „Zauberberg“ Kap. 9.


Erik Porath // Philosoph, Medienwissenschaftler und bildender Künstler in Berlin, Mitgründer der Assoziation für die Freudsche Psychoanalyse (AFP) und ehemaliger Mitarbeiter des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), Berlin 2001-2010.




Tag 14
Rike Bolte:
Die karibische Makro-Inkubation oder
In der Schublade der Selbstinfektion

Vom Verdacht gegen jede Oberfläche

In Roberto Bolaños posthum veröffentlichtem Gedichtband La Universidad Desconocida[1] vagieren Figuren durch den heterotopischen Raum einer kritischen Institution. Vielleicht ist es auch eine institutionelle Fiktion, diese vom chilenischen Autor aus Alfred Besters Erzählung „The Men who Murdered Mohammed“ (1958) ins Spanische übertragene Unknown University. Bei Bester tritt ganz topisch ein mad scientist eine Zeitreise an, um in der Vergangenheit auf den Lauf der Geschichte rückeinzuwirken und ein ihn in der Zukunft persönlich betreffendes Ereignis abzuwenden – bis er begreift, dass das Vorhaben zwecklos ist. Diese Spannung zwischen epischem und häuslichem Engagement sieht der argentinische Autor Rodrigo Fresán[2] auch in Bolaños Universität ausgedrückt. Weil in der Universidad Desconocida eine besondere Variante des Privatdetektivs auftaucht: ein Typus, der vor dem Hintergrund der verlorenen Utopien und der großen Erzählung der Gewalt Lateinamerikas tätig ist, aber sich gänzlich selbst beauftragt. Ein Privatdetektiv, wie er privater nicht sein könnte.

Innerhalb der paradoxen Strategien der Unbekannten Universität ist der Detektiv exiliert und ekstatisch zugleich. Bei seinen Auszügen taxiert er obsessioniert andere und sich selbst. Doch sein eigenes Ich steht stets im Blick eines weiteren, ebenso exilierten Ichs. La Universidad Desconocida generiert darüber eine ganze Serie von Detektiven, die den Tatort immer taumelnd und verspätet erreichen. So treten Polizisten mit ihnen in Konkurrenz. „Bis zu den Zähnen bewaffnet“ und gleichzeitig „nackt“, gestenlos und „als hätten nur sie Augen“ im Kopf, rücken sie als „unvermeidliche Anwesenheit“ vor.[3] Unverbunden erscheinend und doch innerlich mit ihren je eigenen Doubles verknüpft, verteilen sich all diese Figuren schließlich recht uneindeutig im proxemischen Raum. Mal sind sie nah, mal fern. Eine Choreographie, die zu entziffern La Universidad Desconocida über ihre miteinander verketteten Gedichte verlangt.

Anfang April 2020. Stecke ich in einer paradoxen Institution?  

 „[Y]o terminaría esta novela/con una frase de bolaño/pero esto no es chile/se trata del perú”[4], heißt es in einem Gedicht von Roxana Crisólogo, die gerade in Finnland in Quarantäne sitzt. Nun, da Übertragung ein permissives Paradigma ist, rücken Chile, Peru und Finnland auf eine selbe Gerade. Ich wiederum befinde mich in Kolumbien. Und so, eben hier wie gedanklich andernorts, komme ich dem selbstverdächtigen Detektiv recht nah.

Dazu vermesse ich die Bedingungen meiner Situation.

Ich befinde mich in einem extensiven und gleichzeitig proxemisch intensiven Raum. Einerseits bin ich in einer Stadt im Gran Caribe, genauer gesagt in Barranquilla, einer arabisch geprägten, weitläufigen Stadt. Anderseits wird hier beim Busfahren nicht nur gesungen, sondern es werden im fahrenden Raum auch Körper über Berührungsgesten organisiert. Ich selbst bin schon vom Busfahrerassistenten verrückt worden, oder von jemand anders. Wohin ist dieser Raum seit März 2020 verschwunden? Keinen Bus sehe ich mehr weit und breit. Niemand fasst mich mehr an.

Vor drei Wochen wurde in Kolumbien angesichts europäischer Pandemierealitäten Alarm geschlagen. Seit über einer Woche herrscht Ausgangssperre, in Bogotá wurde sogar ein Simulakrum vorgeschaltet. Über Video und mit Mundschutz versehen verlas die neue Bürgermeisterin der Hauptstadt Statistiken der Effizienz. In Barranquilla setzte aller Küstenstadt-Fama zum Trotz der ebenso neue Bürgermeister alle Einschränkungen stante pede in Monaten fest.

Nun ist es in der Stadt still wie noch nie. Eine akustische Übersetzung der Inkubation. Ich beobachte die Situation von meinem Balkon aus, am nahen Horizont die Halbinsel Salamanca, davor der Río Magdalena. Auf der Halbinsel lassen die Jäger, die Feuer legen, um Tiere aus ihren Bauten zu jagen, von ihrem Handwerk nicht ab. Im Industriegürtel Barranquillas rauchen nur wenige Schornsteine. Unter mir, von meinem Balkon im 8. Stock aus gesehen, durchquert alle zwei Stunden jemand den Raum. Diesmal mit einem Karren Avocados unterwegs. Später preist einer durch ein Megaphon Coca-Cannabis-Öl an. Es gibt keinen Megaphonschlagabtausch von einem Verkaufskarren zum anderen mehr. Zu Beginn der Ausgangsperre fuhr ein weißer Wagen, gefolgt von einer Kolonne Polizei- und Krankenwagen, mit offizieller Durchsage die Straßen ab. „Somos uno, somos muchos. Permanezcan en sus hogares.“

Nach dieser Ansage beginne ich, den Raum meiner Wohnung zu durchqueren. Die Wohnung wird zum Mikro-Ort. Ich weiß, dass alle um mich herum dasselbe Stadium antreten, nicht aber, wie bei Roland Barthes[5], vom heimeligen Bett aus nach Taschentüchern langen, sondern unruhig herumstreunend Toilettenpapier hochzurechnen beginnen. Der absolute Nahbereich ist erreicht, die Ortsidentifikation bei der intimsten Organisation der eigenen Körper angelangt. Aus diesem Intim-Ort-Raum heraus, in dem wir uns als Subjekte ganz automatisch orientieren – noch –, verfolgen wir das globale Szenario viraler Einschlagkraft, unterschiedliche Grade logistischer, medizinischer und publizistischer Wirkungswut und Wirkungslosigkeit, Debatten zu Uneinsichtigkeit und Weitsichtigkeit, Bewaffnungen und Transporte medizinischer Materialien aus absurd weit entfernten Gebieten. Unterdessen wächst unser Talent zur Taxierung des eigenen mikroskopischen Wirkens.

Denn schon entdecke ich Anwandlungen der Verdachtskreation. Verdacht nicht nur gegen den Anderen, sondern gegen mich selbst kommt auf. Nicht mehr frage ich mich: Hat sich die Andere die Hände gewaschen? Schließlich bin ich alleine! Wie der Detektiv in La Universidad Desconocida suche ich die Teller meiner Hand nach vermeintlichen Kontaktspuren ab. Die Lust des „detective de manos sucias“[6] kippt. Auf engstem Raum trete ich in Konkurrenz. Mit mir selbst. Bis das Öffnen und Schließen von Schubladen, – auch das ganz anders als bei Roland Barthes –, zu einem Unsicherheitsfaktor und mein Mikroraum insgesamt zur Schublade der Selbstinkubation wird.

Inkubation: Ausbrütung, Anzüchtung; künstliches Aufziehen von Frühgeborenen; Einwirkung von Mikroorganismen, Mikrokatalysatoren, auf ein Substrat. Vermehrung von Erregern im Körper, nach ihrer Etablierung, und bei unterschiedlicher Latenzzeit. Inkubation eines traumatisierenden Erlebnisses. Ausbrüten eines schöpferischen Gegenstands. Trauminkubation. Tempelschlaf. Think Tank? Inkubation, Paradigma der Erzeugung. Erzeugung inneren Sinns. Raum für die progressive Organisation von Inhalten jenseits des Oberflächensinns.

Sind nun aber nicht gerade die Oberflächen suspekt?

In der paradoxen Institution der Universidad desconocida versuchen Detektive, sich auf desorientierendem Terrain zu vergegenwärtigen. Sie nutzen dazu Strategien der Expansion, der Camouflage, des Doppelgängertums. Ihre Wahrnehmung ist halluziniert, das macht ihre Wildheit aus. Innere Polyphonien, voice over strukturieren den closed room der Unbekannten Universität.

Und nun wir, hier. In unserem globalen Raum, der unzählige Geschwindigkeiten und millionenfach Nachrichtenspektakel produziert.  Besessen stünde ihm der unbekannte Detektiv gegenüber, bangend, seine Augen mögen weit genug, ja bis zum epistemischen Horizont reichen.

Diese Art Detektiv tastet sich schon bei Siegfried Kracauer in Der Detektiv-Roman[7] weit an die Ränder vor. Bis er den Kontakt zur positivistischen Logik verliert. Auch in Das Ornament der Masse würde es darum gehen, die Zeichen der Zeit und die Übersetzung des in der Tiefe Verborgenen auf der Oberfläche zu lesen.[8] Flaneurhaft, mit immediater Aufmerksamkeit. In seinem Modus der Permeabilität ist der marginale Detektiv von der Oberfläche, die er in Augenschein nimmt, doch ebenso von dem noch nicht zur Entzifferung bereiten Untergrund infiziert.  

Und nun ich, hier, Flaneurin auf meinem Balkon. Mittlerweile habe ich einen hohen Grad der Selbstinfektion erreicht. Die Oberfläche, die zu lesen mir zur Verfügung steht: der Balkonboden – und die Haut, die mich umspannt.  Unter mir die karibische Stadt, eine Stereoskopie.

Und weil dies kein Gedicht von Bolaño ist, wie dies doch nicht Finnland ist, kommt mir plötzlich ein Gedicht der puerto-ricanischen Dichterin Mayra Santos-Febres in den Sinn: „Huevo“.[9] Dieses eigensinnige Poem evoziert einen Eier-Urwald, eine „selva de huevos“; Eier und Eier und noch mehr Eier, die sich die weiblich markierte Sprechinstanz einverleibt, um zu einem alle karibischen Inseln umspannenden Makro-Ei zu mutieren. Eine exuberante Inkubation. Unendlich viele Eier werden gelegt! Anders-Eier. Schwarze Eier.

Doch „Huevo“ ist ebenso ein omnivores Organ, ein riesiges Eierbüro, in dem aufscheint, womit in der Karibik gehandelt wird. Frauenkörper, zum Beispiel.

Ich laufe die Strecke auf meinem Balkon zurück. Blicke über den Río Magdalena Richtung Norden, wo die Karibische See liegt. Mein Selbstverdacht wächst. Mayra Santos-Febres‘ Text verknüpft sich mit Nachrichten, die älter sind als die über das Coronavirus. Nachrichten über Sextourismus in Cartagena. Ich betrete wieder meinen inneren Mikro-Ort.  Zurück an den Computer, angesichts dessen ich mich seit zwei Wochen frage, wie lange mail-Korrespondenz oder Skypeverkehr mich in ihrer Funktion als Schnittstellen des Affekttransfers verlängern werden.[10] Jetzt aber die eben aufgekommenen Suchbegriffe eingeben. Sexarbeiterinnen in Corona-Zeiten. Barranquilla. Seit einer Woche stehen diese zusammen mit Migrantinnen aus Venezuela völlig unbeäugt auf der Straße, ganz unvorbereitet sind sie mittellos. Der im Jahr 2015 gegründeten Gewerkschaft Sintransexco zufolge sind es an die 450 Frauen, viele von ihnen haben kleine Kinder zuhause.[11] Doch kein Klient, keiner der vielen Herren aus der Oberschicht lässt sich in diesen Zeiten sehen. Während deren Heimzeit begonnen hat, stellen sich die Frauen, die die Straßen nach Freiern absuchen vor, wie es wäre, auf den Lauf der Virusausbreitung Einfluss gehabt haben zu können.

Ich sehe mich um: Befinde ich mich in einer kritischen Institution?

Und sehe mich ein weiteres Mal um: Wo ist die Detektei, die die Tiefenschichten unseres expandierten closed room inspiziert?  

Die Zählung nach der großen Erzählung hat gerade erst begonnen. Mayra Santos-Febres Gedicht „Huevos“ fängt bereits vor zehn Jahren zu rechnen an, unweit von hier: „Es hora de recoger todo los huevos/meterlos dentro/es hora de recoger todos los huevos/es hora de recoger todos los huevos/meterlos dentro de esta isla que soy”.


[1] Roberto Bolaño, La Universidad Desconocida. Barcelona: Anagrama, 2007.

[2] Rodrigo Fresán, „El secreto del mal y la Universidad Desconocida, de Roberto Bolaño“. Letras Libres, 31 de mayo 2007.  https://www.letraslibres.com/mexico-espana/libros/el-secreto-del-mal-y-la-universidad-desconocida-roberto-bolano (1.4.2020).

[3] Vgl. Roberto Bolaño, La Universidad Desconocida, S. 336.

[4] Roxana Crisólogo, „me separo de mi hija”. In Crisólogo,  Ludy D. Lima: Ediciones Flora Tristán, 2006. S. 49-50.  

[5] Roland Barthes, Comment vivre ensemble. Simulations romanesques de quelques espaces quotidiens. Notes de cours et de séminaires au Collège de France (1976-1977). Paris : Seuil/Imec 2002, S. 155.

[6] Franklin Rodríguez, Roberto Bolaño: el investigador desvelado. Madrid: Verbum, 2015, S. 56.

[7] Siegfried Kracauer, Der Detektiv-Roman. Ein philosophischer Traktat [1922-25].  Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1979.

[8] Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse. Essays [1927]. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1977.

[9] Mayra Santos-Febres,  „Huevo“. in  Revista Nuestra América, (enero-julio 2010), S. 397-401.

[10] Reinhald Görling, „Proxémie/Proksemikk“. In Living Together: Roland Barthes, the Individual and the Community. In Knut Stene-Johansen, Christian Refsum und Johan Schimanski. Bielefeld: Transcript, 2018, S. 267-277.

[11] Siehe https://www.elheraldo.co/mujer-e-igualdad/el-drama-que-viven-las-trabajadoras-sexuales-por-el-coronavirus-713689  sowie: https://www.medicosdelmundo.org/actualidad-y-publicaciones/noticias/prostitucion-en-tiempos-de-coronavirus (1. 4. 2020).


Rike Bolte // Promovierte Literaturwissenschaftlerin, lehrt lateinamerikanische, spanische und frankophone Literaturen und Kulturen an der Universidad del Norte in Barranquilla (Kolumbien). Mitbegründerin und Kuratorin des mobilen lateinamerikanischen Poesiefestivals Latinale sowie Übersetzerin.




Tag 15
Julia Stenzel und Jan Mohr:
Was das Spiel heilt

Für die O’gauer

In fünf Wochen hätten sie einen von ihnen kreuzigen wollen. Den einen oder den anderen Jesus; und dann immer wieder, abwechselnd, den ganzen Sommer lang. 110mal Tod, Grablegung und die Hoffnung auf Auferstehung. 110mal die Erfüllung eines Gelübdes aus dem Jahre 1633. Wer zuerst hätte sterben dürfen, hätte das Los entschieden.

Seit 1634 wird in Oberammergau alle zehn Jahre das Passionsspiel aufgeführt, eine fast 400jährige, nahezu ungebrochene Tradition, die längst Besucher aus aller Welt anzieht. Aus ursprünglich einer Aufführung ist eine Spielzeit von viereinhalb Monaten geworden; deshalb sind die prominenten Rollen doppelt besetzt, gespielt wird im Wechsel. 5000 Zuschauer aus aller Welt im Zuschauerraum, auf der Bühne während der Massenszenen um die 500 Oberammergauer, ganz abgesehen vom Orchester; und das alles fast jeden Tag von Mitte Mai bis Anfang Oktober. Wenn CoViD-19 nicht schon pandemisch gewesen wäre, hier wäre das Virus es geworden. Exponentiell.

Aus der Ferne konnte man mitverfolgen, wie sie mit sich gerungen haben im Dorf. Als schon Schulschließungen beschlossen waren, die Fußball-Bundesliga ausgesetzt und der Eurovision Song Contest abgesagt, hoffte man noch. Oder besser: man wartete. Denn das Spiel ist versichert, eigentlich gegen Terror, zufällig aber – von „Kollateralnutzen“ schrieb die ZEIT – auch gegen Pandemien. Doch der Versicherungsfall war an ein behördliches Verbot gebunden; einfach absagen – aus Vorsicht, aus Vernunft, aus Selbst- und Fremdsorge – konnte man das Spiel nicht, die Verluste wären gigantisch gewesen. Am 19. März ist es dann soweit: Oberammergau muss – darf – kapitulieren, die Passion ist gestorben. Vorerst.

Auch im Jahr vor der Erstaufführung breitet sich eine Pandemie in Europa aus, ansteckender noch als das von Sars-CoV-2 ausgelöste Lungenleiden. Die Pest wütet, auch im bayerischen Oberland. Dank seiner abgeschirmten Lage bleibt Oberammergau lange verschont, doch dann gelangt ein Tagelöhner an den Pestwachen vorbei in sein Heimatdorf und bringt die Seuche mit sich. Er wollte zu Kirchweih seine Verwandtschaft besuchen. Binnen weniger Wochen sterben 84 Menschen im Ort. Die Einwohner von Oberammergau leisten ein Gelübde: Wenn Gott das Dorf errettet, will man hinfort alle zehn Jahre das Spiel vom Leiden unseres Herrn Jesu Christi aufführen. Angeblich ist seit dem Schwur niemand im Dorf mehr gestorben, bereits Erkrankte sollen genesen sein. 1634 findet die erste Aufführung statt.

Passion spielen als Therapie also; als Remedium gegen eine unheimliche, unberechenbare Krankheit; der körperliche Nachvollzug von Gottes Leiden, um menschliches Leid zu beenden? Nicht ganz: Denn im Gelübde ist die Heilsfigur des Kreuzestodes invertiert. Zwar bedeutet und wiederholt das Jesus-Spiel das Heil der Welt, das im Vergießen von Jesu Blut versprochen ist. Doch das Spiel heilt nicht; im Gegenteil setzt es Heilung schon voraus. Dennoch ist es eng mit dem gnadenhaften Eingriff der Transzendenz ins Diesseits verschränkt. Es gleicht die göttliche Vorleistung – das Ende der Pest im Dorf – aus, schließt einen Tauschhandel ab, symmetrisiert das Verhältnis der Tauschpartner. Gelübde, Heilung und Spiel bilden eine Gelingensfigur.

Im Gelübde der Oberammergauer von 1633 ist diese Figur auf Vorläufigkeit und Dauer gestellt, und das eröffnet eine kulturelle Dynamik, in der der Ausgleich menschlicherseits immer nur etappenweise sichergestellt werden kann. Die transzendente Vorleistung ist letztlich nicht einzuholen; und so bleibt das Spiel immer ein Akt der Wiederholung – des Heilens der Erbsünde und, in einer immer komplexeren chrono-topologischen Aufschichtung und Verwerfung, des Heilens der Pest. Unbeschadet des Vorbehalts, der in dieser Logik liegt, ist für die Oberammergauer Passion die päpstliche Missio canonica, die die Heilsamkeit des Spiels bestätigt, bis weit in die Moderne ausgesprochen worden. Mit ihr steht das Spiel funktionsgeschichtlich in der Tradition der spätmittelalterlichen geistlichen Spiele, deren letzten prominenten Ausläufer es auch historisch darstellt. Die aus dem Mittelalter ererbte Logik besagt, dass im mimetischen Nachspiel der heilsgeschichtlichen Ereignisse – bei allem Bewusstsein für Fiktionalität, das man an den überlieferten Texten beobachten kann – Heil gegenwärtig wird, für die Darstellenden, ebenso aber auch für die Zusehenden. Das impliziert einen nicht unbedenklichen Zugriff auf das göttliche Heil.

Im Oberammergauer Gelübde spitzt sich diese Denkfigur noch zu: Wer Passion spielt, wiederholt den Opfertod Gottes, lässt die Arma Christi an einem menschlichen Körper erneut ihr Werk tun – wenngleich unter Theatervorbehalt, und in einer mehrfachen Invertierung. Denn es ist ein Schauspieler, in dem sich der Tod des menschgewordenen Gottes wiederholt; dessen Auferstehung ist mit dem Ende der Aufführung, dem Ablegen des Kostüms und der Entfernung der Theaterschminke immer schon vorausgesetzt. Damit beansprucht das Spiel der Passion zugleich eine Verfügungsgewalt über die Transzendenz nach höchst weltlichen Logiken des Tauschs. Der Gnadenakt Gottes gegenüber der menschlichen Demut – die Aussetzung der Pest – wird in eine Ordnung von Ursache und Wirkung eingekoppelt, die es sich anmaßt, im Wortsinne mit Gott zu rechnen. Die Wiederholung von Gottes Sohnes- und Selbstopfer ist nicht mehr nur ein Akt des Gottesdanks; vielmehr denkt es, in der Wiederholung von Jesu Opfertod, die göttliche Gnade als Effekt.

So konnte sich das Spiel retrospektiv immer wieder als Remedium deuten und sich nicht nur eschatologische, sondern dann auch historische Wirkmächtigkeit zurechnen. 1922 ist die Passion nach dem ersten, 1950 nach dem zweiten Weltkrieg auch als ‚Friedensspiel’ aufgeführt worden; in den ersten Jahrzehnten der Bonner Republik gilt das Spiel als Bollwerk gegen Atheismus und Gottlosigkeit, in den deutschen Ländern nach der gescheiterten Revolution von 1848 als kulturelles Heilmittel einer deutschen Nation to come. Seit dem 19. Jahrhundert ist so das Passionsspiel wiederholt in Narrative von Heilsfigurationen eingekleidet worden; als Vorbild für einen die Kräfte des Volkes bündelnden neuen Typ von Volksschauspiel, in der Nazi-Ideologie gar als Feier nach der Befreiung von der „Pest“ des Bolschewismus (was sich noch 1950 im Programmheft finden wird).

Jetzt ist das Spiel nicht abgesagt, aber verschoben aufgrund eines globalen Superkeims aus der Gruppe der Corona-Viren, dessen Familienname ironischerweise eine Assoziation mit der Dornenkrönung transportiert. Die längst Metapher gewordene Rede von der Heil(s)kraft des Spiels scheint urplötzlich konkret geworden; und gerade dadurch wird offenbar, dass unter den Bedingungen der Moderne die Denkfigur des Spiels als gratiam agere nicht mehr funktioniert. Während in den Gemeindebüchern vom Spiel auf den frischen Gräbern der Pesttoten die Rede ist (damals spielte man noch auf dem Kirchhof), redet man heute im Dorf schon davon, wie das Spiel durch die Erfahrung von ‚Corona’ ein anderes sein werde. Passion spielen unter dem Signum einer multipel säkularen Moderne ist nicht mehr Wiederholung von Christi Leid und auch nicht mehr der Ausgleich einer Rechnung mit Gott. Es ist die Hülle eines psychophysischen Durcharbeitens der eigenen Erfahrung, für die Kreuzigung, Begräbnis und Auferstehung suggestive Bilder bereitstellen; und diese Erfahrung generiert eine Schicksalsgemeinschaft, die nicht mehr eschatologisch, sondern globalisierungstheoretisch zu denken ist. 2022, wenn die Spielzeit nachgeholt werden soll, werden nach den Geschehnissen von 2020 die Spielenden und die Zuschauer von einer Erfahrungs- zu einer Erlebnisgemeinschaft.

Ein kurzes Fernseh-Feature in der Rubrik ‚Echtes Leben’ der ARD am 5.4.2020 zeigt Oberammergau nach der Absage der Passion: Es zeigt Szenen von wirtschaftlicher Not und Solidarität angesichts der Krise, wie sie sich auch anderswo hätten abspielen können: Ein Gastwirt fürchtet um seine Existenz, eine junge Frau bringt Menschen, die zu den inzwischen notorischen ‚vulnerablen Gruppen’ gehören, Einkäufe vorbei. Es zeigt aber auch einen Spielleiter, der mit den Tränen kämpft, als er nach der Gemeinderatssitzung vor die Mikrofone tritt; es zeigt enttäuschte Spieler*innen, und es erzählt von der Hoffnung auf ein neues, ein ganz anderes Spielen der Passion nach der Erfahrung der Pandemie. Die Spielenden haben eine Zusage, dass jede(r) seine Rolle behalten werde. „Mein Advent dauert halt jetzt länger, aber Weihnachten wird kommen und das Passionsspiel wird wieder kommen“, sagt Spielleiter Christian Stückl. „Wo immer wir am Ende der Krise rauskommen, wir werden da weitergehen.“[1]

Selbst wenn die Spieler von Oberammergau und ihr Spielleiter sich schon im Futur I und Futur II zum Spiel 2022 geäußert haben, bleibt es doch ungewiss, wie die Auferstehung von Oberammergau aussehen wird und was das Spiel wird heilen können.

Heute ist immerhin erst Karfreitag. 


[1] https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/echtes-leben/sendung/oberammergau-steht-kopf-100.html?fbclid=IwAR1Oyl-MYlZXI6TmWOcLxBbI8NNTuQfO2lGi_EkEv6mjfoY6Q7jzSnlxUBw

.

Jan Mohr // Mediävist und Frühneuzeitforscher an der LMU München.
Julia Stenzel // Juniorprofessorin für Theaterwissenschaft an der JGU Mainz.

Gemeinsam leiten sie ein DFG-Projekt zum Oberammergauer Passionsspiel (dasdorfchristi.com). Schwerpunkte sub signo coronae (u.a.): Zahlenraum bis 100, lateinische Schreibschrift; Brio-Eisenbahn, Duplo-Steine.




Tag 16
Jürgen Martschukat :
Körperpolitik in den Zeiten von Corona

Hometrainer haben gerade reißenden Absatz. Zwar sagt die Bundesregierung im Moment noch, dass „individueller Sport und Bewegung an der frischen Luft […] selbstverständlich weiter möglich“ sind, aber wer weiß schon, was in vierzehn Tagen ist? Außerdem ist Outdoor-Sport ja nicht jedermanns und jederfrau Sache. Über elf Millionen Menschen sind in Deutschland Mitglieder in einem von rund 10.000 Fitnessstudios, die seit dem 23. März alle geschlossen haben; vorübergehend, aber das kann eine Zeit lang anhalten. Und wird es mein Studio auch nach Corona noch geben? Also muss ein Hometrainer her. Schließlich hat uns die Körperpolitik der letzten Jahrzehnte gelehrt, dass unser Körper unsere Bioaktie ist und in Form gehalten werden will. Denn das neoliberale Zeitalter ist auch das Zeitalter der Fitness: Ein schlanker Staat braucht schlanke Bürger, der flexible Kapitalismus setzt auf flexible Körper. Beweglich, trainiert und gesund soll unser Körper sein; dann gilt er als Zeichen unserer Fähigkeit und Bereitschaft zu Selbstsorge, Prävention und Leistung. Und das nicht nur im Sport. Wer sich fit hält, und das ist als Versprechen wie auch als Aufforderung über Jahrzehnte an uns herangetragen worden, hat im allgegenwärtigen Wettbewerb Vorteile und kann auf der Leiter des Erfolgs schneller nach oben klettern.

„Corona“ ist zutiefst irritierend für eine solche Gesellschaftsordnung, die zunehmend auf Autonomie und Selbstverantwortung als Prinzipien gesellschaftlicher Organisation gesetzt hat. Als „verstörend “ hat Slavoj Žižek Mitte März in der NZZ die virale „Lektion“ bezeichnet, dass „der Mensch […]  viel weniger souverän ist, als er denkt. Er trägt weiter, was ihm zugetragen wird.“ Das Virus stellt die bestehende Gesellschafts- und Körperpolitik in Frage und fordert zu einem Umdenken auf: hin zu einer Politik der Solidarität statt Souveränität; hin zu einer Politik, die nicht dem Hyperindividualismus huldigt, sondern der Offenheit und Verbundenheit aller Körper Rechnung trägt. Paradoxerweise bring dies ausgerechnet die soziale Distanz als beste Strategie gegen das Virus zum Ausdruck. Denn ein Virus braucht genau diese Verbundenheit vieler Körper, um auf Dauer existieren zu können. Die Maxime lautet: Abstand halten, um zugleich sich selber und die anderen zu schützen.

Als neuer Aktant im Feld der Körperpolitik verändert Corona auch das Fitness-Training und dessen Bedeutung. Frei nach Bruno Latour: mit oder ohne Corona zu trainieren, macht einen Unterschied, auch wenn man (noch) nicht selber infiziert ist. Hatten gestern noch der Warrior Workout und andere martialisch anmutende Programme Konjunktur, die maximale Effizienz mit minimalem Zeitaufwand versprechen, so sind wir heute wieder angehalten, auf genau solche hochintensiven Belastungen zu verzichten. Die Anrufung lautet nun, auf dem neuen Hometrainer einen Gang rauszunehmen. Moderat sollen wir trainieren, denn „durch ein regelmäßiges, gut dosiertes Ausdauertraining wird die Immunabwehr gestärkt,“ erklärt die Techniker Krankenkasse in ihrem Video Hometraining statt Homeoffice. Dabei dient die Immunabwehr der Einzelnen der Gesundheit des Kollektivs.

„Laufen ohne zu schnaufen“ war zwar nie ganz verschwunden, stammt aber doch aus den 1970er Jahren, als der neueste Trainingshype „Trimm Trab“ hieß und sich die Bundesrepublik Deutschland noch für ihren Sozialstaat rühmte. Es ist wohl nur wenig visionär zu vermuten, dass diejenigen Gesellschaften am besten durch die Corona-Krise kommen, die sich zumindest noch Spuren eines funktionierenden Sozialstaates und eines nicht nur auf Gewinnmaximierung getrimmten Gesundheitssystems bewahrt haben. Vielleicht wird die Einsicht, dass eine gute Gesellschaft mehr ist, als eine Ansammlung möglichst starker Einzelner und es stattdessen eine neue, stabile Solidarität braucht, ja auf Dauer gestellt. Anders formuliert: Wenn es sich die Küchenhilfe im Billigrestaurant schlichtweg nicht leisten kann, bei Krankheit tatsächlich auch zu Hause zu bleiben, dann geht das uns alle an. Auch nach Corona.



Jürgen Martschukat // Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt. Sein 2019 bei S. Fischer erschienenes letztes Buch trägt den Titel Das Zeitalter der Fitness. Wie der Körper zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde.




Tag 17
Annette Krauß :
Chronik einer Ankündigung

Es hätte Anzeichen gegeben. Ende Dezember, als in Europa noch niemand über die chinesische Millionenstadt Wuhan und die dort auftauchende Erkrankung sprach, entwickelte sich in einem ehemaligen bayerischen Künstlerdorf eine Auseinandersetzung um ein anstehendes Masken-Fest. Vor allem ein verdienter, fast schon emeritierter Professor engagierte sich vehement für die Festsetzung eines Termines. Dass schließlich auch die örtliche Geistlichkeit zustimmen musste lag an der Eloquenz des Forschers, seine Stimme war schließlich das Zünglein an der Waage. Er war es, der dem Festkomitee zum Erfolg verhalf – sodass am Abend des ersten Februar eine größere Menschenmenge sich versammelte zu keinem anderen Zweck, als sich dem Trank und dem Tanz hinzugeben. Das Motto der Nacht lautete „Zwischen Himmel und Hölle“, und tatsächlich waren die Bewohner der Unterwelt in der Mehrheit. Der Professor selbst aber erschien als unsterblicher Dichter, lorbeer-bekränzt, der einst besungen hatte Hölle, Fegefeuer und Paradies. Um aber zu bedeuten, wohin die Reise gehen sollte, hatte er als Begleiterin nicht seine ach so verehrte Beatrice, sondern ein dunkles Wesen im Schlepptau, auf dessen schwarzem Umhang grelle Feuerflammen züngelten. Und so nahm das Unglück seinen Lauf.

Vier Wochen später reiste diese dunkle Begleiterin auf verschlungenen Wegen in eine Stadt am Fuß der Berge, wo seit 386 Jahren die Pest gefürchtet wird. Mit frommem Spiel versuchen die dort Geborenen, den Fluch zu besänftigen und anzuspielen gegen den Tod. Das Herz ihrer Stadt ist nicht die Kirche, nicht das Rathaus, sondern das Theater auf dem Gottesacker. Über den Knochen der Pestopfer spielen sie, damit diese sich nicht aus der Erde erheben und erneut den Erreger unter die Lebenden streuen. Und genau dort, in den Kellern und Gängen des Spielhauses, wo eifrig genäht und gezimmert wird für das neue Spiel, geht die Angst um vor der Seuche. Das Virus hockt zwischen den Sätzen, zwischen ausweichenden Blicken und im Schweigen.

Auf dieser Bühne ist jetzt Zeit für dunkle Farben. Die Gegenwart spiegelt sich in Gewändern, deren Stoffe haben Schattierungen von dunkler Erde und trockenem Laub, von Baumrinde und Kieselsteinen. Es sind Winterfarben der Natur, die auf endlosen Kleiderstangen hängen. Gewebe aus Leintüchern vom Ganges, aus dünnen anatolischen Teppichen, benutzt und verschlissen, auf dem Bazar zusammengeschnürt und verschickt – und nun gehen sie von Hand zu Hand, werden geschnitten und genäht von erfahrenen Frauen, von kundigen Händen bestickt, angepasst an die Körper der Spielenden, die den Text murmeln, memorieren, wiederholen. Es ist ein alter Text, vielfach verändert, ausgebessert und geflickt. Jedes Jahrzehnt hat seine Spuren hinterlassen. Die Sätze werden geschliffen, um jedes Wort wird gerungen, an den Szenen wird gefeilt, damit alles immer feiner, reduzierter und dystopischer wird. Wenn nämlich die Utopie, wie sie aus Jerusalem allsonntäglich gelesen wird, eine positive Zukunft verkündet, dann erwartet die Dystopie das Unheil – ja, sie ruft und spielt es herbei. Und auch, wenn das Wort nicht fällt – die Seuche ist der Kern, der all dieses Arbeiten und Spielen zusammenhält, der dem ganzen Unternehmen den Sinn gibt. Und sie ist schon da, unter neuem Namen, aber mit uralter Kraft, und wird weitergegeben in einem einzigen Händedruck, den die Besucherin mit dem Gewandmeister tauscht.

Schon nahte jenem Horizont die Sonne,
des Mittagskreis in seinem höchsten Punkte
Jerusalem bedeckt, die hochgebaute,
und, die die Erd ihr gegenüber umkreist,
die Nacht stieg aus dem Ganges mit der Waage,
die ihrer Hand entfällt, wenn sie erstarket…[1]

– da luden Dichter und Begleiterin in einen Raum,
wo Schönheit und Gestalt von Hölle, Fegefeuer, Paradies
die Luft erfüllt. Vier Herren, sieben Damen laben sich
an Schrift und Farben jenes Textes, an Musterung und Zeichen auf Papier,
das tiefste Reinigung der Seele spiegelt durch den Grund des Goldes.
Was Künstler hier erschaffen und gezeigt an halb verborgnem Ort,
dem gehen die Geladnen treu entgegen, ohne dass sie´s wissen,
als sie den Händedruck und die Umarmungen genießen,
die Freunde teilen bei Getränken und bei Speisen,
um jene dunkle Frau zu feiern, die vom Pestspiel heimgekehrt.
Und weil sie nach dem Lager sich zerstreuen – nicht die Quarantäne halten –,
so nehmen sie das mit, was hunderte von Jahr im Gottesacker ruhte.
Auch wenn die Sprache stets sich wandelt,
auch wenn gehobelt und geschliffen wird,
so bleibt der Kern doch stets am Leben,
ob Pesthauch oder Virus nun genannt.
Wer aber könnte Einhalt, Rettung, Heilung bieten?
Die Übersetzung in das Jetzt, geschrieben in der Quarantäne,
verändert unsern Schritt und Takt: Zäsur!

Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass heute ein weißes, geflügeltes Wesen in meinem Zimmer erscheinen wird und mit mir spricht, um mir eine göttliche Botschaft zu übermitteln. Es ist auch unwahrscheinlich, dass einer von uns draußen vor der Stadt gekreuzigt wird. Aber wäre es nicht denkbar, dass einer zu mir sagt: „Komm mit, ich will dir etwas zeigen!“ Und dass ich dann etwas zu sehen bekomme, was ich gar nicht erwartet habe. Und in einem unvorsichtigen Moment öffnet sich für einen kurzen Augenblick mein Herz. Und dann ist es geschehen: Ich habe eine Idee, was ich gerne machen würde. Was ich machen würde, wenn nicht alle „Wenn“ und „Aber“ in meinem Kopf lauthals reden würden. Was ich ausprobieren werde, weil es ja sein könnte, dass sich das doch verwirklichen lässt, was ich da vor mir sehe… In einem solchen Moment sind wir mitten in der Szene der Verkündigung. Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich da ein neuer Weg auftut im Leben. Dass wir Altes hinter uns lassen müssen, dass wir Gewohntes neu gestalten müssen, dass wir umdenken müssen. Aber das erscheint uns in dem Moment gar nicht so schwer. Weil wir eine Kraft in uns fühlen: Ja, das könnte etwas werden![2]


[1] http://www.zeno.org/Literatur/M/Dante+Alighieri/Epos/Die+Göttliche+Komödie/Fegefeuer/Zweiter+Gesang (Vers 1–6).

[2] https://www.konrad-verlag.de/programm/titel/788-seelenspiegel-krippe.html.



Annette Krauß // freie Journalistin im Bereich Kunst, Kultur, Kirche in München. Im Zweitberuf ehrenamtliche Krippenbauerin an den Jahreskrippen im Bürgersaal und in St. Ursula. Das Buch Seelenspiegel Krippe erscheint Ende Oktober 2020.




Tag 18
Bernd Stiegler:
Schließlich und endlich eine Reise durch mein Zimmer oder Zimmerreise (revisited)

Wenn man vor zehn Jahren ein Buch geschrieben hat, das noch dazu einem recht abgelegenen Gegenstand gewidmet ist, denkt man im Traum nicht daran, daß es noch einmal eine fröhliche Urständ erfahren könnte. Mit meinem Buch über die Geschichte der Zimmerreise geht es mir – aus naheliegenden Gründen – gerade so. In Österreich erschien sogar eine Rezension. Daher habe ich mir überlegt, in welcher Weise ich das Thema erneut wiederaufnehmen könnte. Angesichts der Notwendigkeit, mein Zimmer auf recht unabsehbare Zeit hin zu bereisen, habe ich nun die Perspektive gewechselt und bin von einer historischen Darstellung zu einer eigenen Zimmerreise übergegangen oder sagen wir es pathetisch: aufgebrochen. Seit nunmehr gut drei Wochen poste ich auf meinem ansonsten gänzlich inaktiven Facebook-Account jeden Tag genau ein Foto und einen kurzen Text. Das ist überschaubar viel und paßt doch letztlich zum Reisetyp. Zimmerreisen sind ja per se kleine Formen oder solche, die aus kleinen Formen bestehen. Es sind bedächtige, ja behäbige Formen der Reise, bei denen die Stillstellung das probate Mittel ist, um Wahrnehmungen scharfzustellen. Hinsichtlich der Reisegeschwindigkeit wäre selbst die Schildkröte, die, so will es eine Anekdote aus dem 19. Jahrhundert, dem Flaneur in den Pariser Passagen sein Tempo mitunter vorgab, noch zu schnell.

Bei einer Zimmerreise, die ich nun (soll ich sagen: endlich?) auch im Selbstversuch erkunde, kann man kleine Dinggeschichten schreiben, einen kurzen Blick aus dem Fenster wagen oder auch verschiedene Formen des betrachtenden Zooms auf einzelne Gegenstände ausprobieren. Letztlich geht es um eine Art wahrnehmungspraktischen V-Effekt, der eine Distanz zur Gewohnheit des Alltags, die den Blick auf die Dinge stumpf und sie zumeist unsichtbar gemacht hat, herstellt. Die Zahl möglicher Verfahren ist Legion: Photographieren, Zeichnen, Lesen, Schreiben, Schnuppern, Drehen, Wenden usw. Man stellt rasch fest, daß sich die Zeitschichten überlagern, die Corona-Effekte auch im Durchqueren der eigenen vier Wände unübersehbar werden, aber auch die Bücher, mit denen ich mich gerade anderweitig beschäftige, auf die Dinge abfärben. Diese reagieren umgekehrt damit, daß sie sich in „Batterien der Lebenskraft“, um einen Buchtitel von Christoph Asendorf aufzunehmen, verwandeln und Geschichte abstrahlen. Diese Verschränkung verschiedener Zeitachsen auf der Oberfläche der Dinge ist eine der Erfahrungen, die für Zimmerreisen typisch sind. Zum Ding wird hier die Zeit. Es ist eine Reise der – räumlich betrachtet – kurzen Distanzen, die gleichwohl oft große Zeiträume umfaßt. Der Blick bleibt an den Dingen hängen und verwandelt Geschichte in kleine Geschichten. Diese letztlich anekdotische Zuspitzung ist die rhetorische Form, die dann eben jene Koexistenz der Zeiten gestattet.

Die Zimmerreise, die ich begonnen habe, erkundet und erzählt, obwohl sie noch ganz am Anfang steht, bereits jetzt allerlei: vom Sieg der Kantinaner über die Hegelianer, von aus Sansibar stammenden Mangroven, der Kühlschranktür, DVDs von Andreas Dresen, der Bibliothek, von Bildern und Ausblicken, der Figurensammlung auf dem Schreibtisch und Sherlock Holmes-Bücher. Weiteres wird folgen, da ich annehme, daß die Vorgabe der 42 Tage der Zimmerreise Xavier de Maistres auch jetzt fast erreicht werden dürfte.

Und so hat alles begonnen. Vielleicht werden wir eines Tages sagen: Es war einmal…

Erster Tag

In diesen Tagen, in denen das Zimmerreisen zwar nicht zur Mode wohl aber zur leidigen Pflicht geworden ist, will ich ein altes Projekt wiederaufnehmen und das, was seinerzeit nur Theorie und Geschichte war, in die Praxis umsetzen. Als das Buch „Reisender Stillstand“ seinerzeit erschien, bin ich bei Interviews oft gefragt worden, was denn meine persönlichen Erfahrungen mit dem Zimmerreisen seien. Ich mußte diese Frage unbeantwortet lassen, denn geschrieben hatte ich das Buch nicht als überzeugter Zimmerreisender oder als eine Art Prediger der entschleunigten Reise, sondern nur weil ich das Thema so skurril und dann auch ergiebig fand. Es war eine Art thematisches Vergrößerungsglas, das unser Verhältnis zur Nähe und zur Ferne, zu Geschichte und Gegenwart, zu Entdeckungen in allen möglichen Bereichen und zu vielen anderen Dingen mehr, auf besondere Art wahrnehmbar machte und scharf stellte.

Doch nun ist Zimmerreisen das Gebot der Stunde: Ab morgen werde ich daher als Zimmerreisender jeden Tag ein Bild und einen kurzen Text posten. Bei Xavier de Maistre dauerte die Zimmerreise notgedrungen 42 Tage, denn so lange war sein Hausarrest angesetzt. Warten wir ab, wie lange nun die Zimmerreise dauern wird. Aber das Zimmerreisen, so habe ich aus den Texten gelernt, ist eine glückliche Erfahrung der Wahrnehmung, Erinnerung und Verwandlung. Also: Leinen los. Auf zur Zimmerreise!

Zweiter Tag

Der günstige Wind einer Zimmerreise, der einen durch die Weltmeere des eigenen Raums und darüber hinaus führt, ist eine gut ausgestattete Bibliothek. Das war auch bei den Zimmerreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts nicht anders. Meine setzt noch ganz traditionell auf Bücher, auch wenn E-Learning nun gefordert ist. Da die Universität Konstanz seit Montag (16.03.2020) ihre Pforten geschlossen hat – und das gilt auch für die Universitätsbibliothek und sämtliche Büros –, bin ich auf meine eigenen Bücher angewiesen, um das zu tun, was ich ansonsten auch tue, wenn es die Zeit zuläßt: schreiben. Gerade sitze ich an einer Vorlesung für ein Semester, das vermutlich so nicht stattfinden wird – und so schreibe ich in eine offene Zukunft hinaus. Gegenstand sind Theorie-Schlüsseltexte der Gegenwart; im Moment die „Dialektik der Aufklärung“. Es ist natürlich verlockend, diese finstere Kulturdiagnose der 1940er Jahre auf die Gegenwart zu übertragen und etwa die beklemmenden Wiederholungsschleifen der Corona-Berichterstattung mit dem Immergleichen der Kulturindustrie zu identifizieren. Doch das würde zu kurz greifen.

Ein Freund schickte mir vor einigen Tagen einen Auszug aus einem Spiegel-Interview Adornos.
Spiegel: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…
Adorno: Mir nicht.

In der Tat: Hätte Adorno die Krise der Gegenwart zu kommentieren, so würde er sie vermutlich nicht auf das Corona-Virus schieben. Aber ein Remedium dürfte auch er nicht parat haben – zumal in seiner Sicht das eigentliche gesellschaftliche Übel auch durch eine Impfung nicht zu bekämpfen sein dürfte. Wahrscheinlich würde er an die Solidarität denken und ihre Wahrnehmbarkeit loben. Wenn seitens der Politik selbst die Ökonomie hintangestellt wird, steht die Gesellschaft auf dem Spiel. Von anderen Krisen der Gegenwart (auch der Flügel flattert häßlich weiter) ist allerdings gegenwärtig kaum noch die Rede. Auch das ist ein – und nun mit Adorno und Horkheimer gesprochen: kulturindustrieller – Effekt der Corona-Krise.

https://www.facebook.com/bernd.stiegler.54



Bernd Stiegler // Professor für Neuere Deutsche Literatur im medialen Kontext an der Universität Konstanz, zu seinen Forschungsinteressen zählt das Verhältnis von Literatur und Photographie. Sein Buch Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum (S. Fischer, 2010) bildet die Vorlage für die eigene Zimmerreise, deren aktuelle Etappen unter https://www.facebook.com/bernd.stiegler.54 verfolgt werden können.



Tag 19
Gernot Kamecke:
Globaler Ausnahmezustand? Über eine lateinamerikanische Variante subjektiver Gesundheitsfürsorge 

Kommt man dieser Tage noch in den zweifelhaften Genuss, am interkontinentalen Flugverkehr teilzunehmen, so ergibt sich vielleicht, sofern man gesund am gewünschten Ziel angekommen ist, die Gelegenheit einer Probe aufs Exempel: Haben die Menschen überall auf ähnliche Weise ihr Leben verändert und ihre Bewegungen eingeschränkt? Gelten auf der Welt (subjektfähige) Übereinstimmungen im Umgang mit einem gemeinsamen globalen Phänomen? Befinden wir uns in einem wirklichen Moment des „globalen Ausnahmezustands“, gemäß der in aller Munde kursierenden Definition von Giorgio Agamben?1 

Ursache meiner ungewollten Betrachtung ist eine durch die besonderen Umstände des Coronavirus erzwungene Flugreise von Bogotá nach Frankfurt, die als „Rückholaktion“ vom Auswärtigen Amt und der Deutschen Botschaft in Kolumbien durchgeführt wurde. Auf der Ebene der internationalen Übergangsräume, v.a. im ökonomisch bedrohten Verkehrswesen, dies kann ich aus der bewegten Beobachtung bezeugen, istdas (automatisierte) Leben tatsächlich in den Modus eines „rasenden Stillstands“ übergegangen. Paul Virilio hätte vielleicht seine Kamera gezückt, wenn er am Dienstag, den 31. März 2020, die unbewegten Gepäckausgabebänder des Internationalen Flughafens Frankfurt am Main oder die verwaisten Großraumwagen der Deutschen Bahn auf dem Weg nach Berlin gesehen hätte. Am Flughafen „El Dorado“ in Bogotá waren am Abend zuvor, neben einem Dutzend kolumbianischer Ärzte, die deutsche Polizei, der deutsche Zoll und die Bundeswehr im Einsatz. Sie organisierten die Rückholaktion generalstabsmäßig, aber ohne eine Antwort auf die Frage zu geben, warum die Amtshilfe nicht so weit ging, dass man in Europa gestrandeten Kolumbianer/innen erlaubte, auf dem Rückweg ebenfalls repatriiert zu werden. Von Frankfurt nach Bogotá hatte die Boing 747 einen Leerflug.

In Kolumbien herrscht schon seit dem 19. März eine ‚absolute‘ Quarantäne mit (militär-)polizeilich überwachter Ausgangssperre. Sie folgte nur zwei Tage auf das „confinement“ in Frankreich, das in einer inzwischen berühmten Rede von Premierminister Eduard Philippe am Abend des 17. März erläutert wurde. Das „confinamiento“ wurde zunächst von Bogotás Bürgermeisterin Claudia López als „verpflichtender Probelauf“ (simulacro obligatorio) in der Hauptstadt eingeführt und ab dem 24. März von Staatspräsident Duque durch ein landesweites Notstandsgesetz ersetzt. Das zentrale Konzept der „distanciación social“ wurde vom kolumbianischen Gesetzestext explizit aufgenommen. Jede soziale oder ökonomische Tätigkeit, die nicht unmittelbar der „öffentlichen Gesundheit“ oder der Aufrechterhaltung der „lebensnotwendigen Infrastruktur“ der Nation dient – also letztlich das Sextett des modernen bürgerlichen Selbsterhaltungstriebs sicherstellt, nämlich die Nahrungsaufnahme, die medizinische Versorgung, das Wasser, den Strom, den Müll und das Internet – wurde verboten und unter Strafe gestellt.

Im Einzelnen verfügten die Notstandsgesetze, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nicht mehr auf die Straße dürfen, ebenso wenig Menschen über 70 Jahren, die keine schriftliche Sondergenehmigung vorweisen. Pro Familie oder Wohngemeinschaft ist es nur einer mit Handschuhen und Gesichtsmasken bekleideten Person erlaubt, die Wohnung zu verlassen, um im strikten Radius der unmittelbaren Nachbarschaft Besorgungen im Sinne der genannten Lebensnotwenigkeit vorzunehmen. Privates Schutzpersonal regelt den Zugang zu den Geschäften und formiert die Warteschlangen im 2-Meter-Abstand. In besonders bevölkerten Vororten von Bogotá wurden zudem bestimmte Uhrzeiten eingeführt, zu denen man dann, je nach Endziffer des Personalausweises, nur noch 90 Minuten pro Tag zum Einkauf zur Verfügung hat. Schließlich wurde, um die Kontrolle der Volksgesundheit – oder die Quälerei der Volksseele – auf die Spitze zu treiben, eine typisch lateinamerikanische „ley seca“ verfügt. In speziell dazu autorisierten Geschäften werden pro Person und Tag, jeweils zwischen 15 und 17 Uhr, nur noch eine Flasche „Alkohol“ (Bier, Wein oder Spirituosen) verkauft, und dies auch nur, wenn man bereit ist, gleichsam zur Selbstanklage, sich mit Adresse, Personalausweisnummer und Unterschrift in eine Liste einzutragen.

Der Diskurs in Kolumbien war und ist von einer Stimmung geprägt, die aus einer Mischung aus Resignation und Orientierungslosigkeit aufseiten der Öffentlichkeit sowie aus Arroganz und martialischem Aktionismus – bei der Entfaltung der Logiken des Notstands – auf der Seite des Staates gespeist wird. Im Gegensatz zu Ecuador, Brasilien, Mexiko und den USA, hat sich die Politik in Kolumbien dadurch ausgezeichnet, dass möglichst strenge Maßnahmen der epidemischen ‚Eindämmung‘ zum frühestmöglichen Zeitpunkt des Krankheitsausbruchs ergriffen wurden. Am 19. März, um Mitternacht, gab es bei Inkrafttreten der Ausgangssperre landesweit genau 102 bestätigte Corona-Fälle (sowie einen Toten). Zur gleichen Zeit wurde aus Italien von mehr als 300 Toten pro Tag berichtet, bei steigender Tendenz.

Die bürgerliche Unterstützung für die staatlichen Maßnahmen beruht auf der Befürchtung, dass eine massenhafte Verbreitung des Virus in einer Stadt wie Bogotá – mit vielleicht 9 Millionen Einwohnern (offiziell sind es 7,5) – innerhalb kurzer Zeit dazu führen könnte, dass die Infrastruktur der öffentlichen Gesundheitsversorgung kollabiert. Für dieses nicht von der Hand zu weisende Argument haben die Statistiker auch die passenden Zahlen zur Hand, wie etwa die offenbar nur knapp vierstellige Anzahl der Krankenhausbetten mit Beatmungsmöglichkeit, die zu 90% auf die Städte Bogotá, Medellín und Cali verteilt sind. Zur Vorsicht mahnen die örtlichen Virologen auch aufgrund der Schwierigkeit, die genauen Fallzahlen der Krankheit zu bemessen, was auf eine bedrohliche, die kollektive Angst steigernde ‚Dunkelziffer‘ schließen lässt. Etwa 2500 Fallproben können zurzeit gleichzeitig bearbeitet werden, bei einer Bearbeitungszeit von etwa 48 Stunden. Am Tag meines Abflugs diskutierten Experten im Fernsehen über die Havarie einer Messmaschine aus Deutschland, deren Ausfall nicht kompensiert werden könne, da es im Moment verboten sei, medizinische Gegenstände in Länder außerhalb der europäischen Union zu exportieren.

Medizinisch gesehen ist die Ausgangssperre in Kolumbien wahrscheinlich sinnvoll. Gesellschaftlich gesehen hat sie aber etwas Verlogenes, geradezu Makabres. Denn von den sechs sozialen „Schichten“ (estratos), in welche die kolumbianische Gesellschaft offiziell eingeteilt wird, gelingt es nur den oberen dreien (den estratos 4 bis 6), in sich gegenseitig an Vorbildlichkeit übertreffender Selbstkontrolle, welche eine staatliche Überwachung tatsächlich überflüssig macht, die Maßnahmen der kollektiven Gesundheit zum eigenen Schutz umzusetzen und sich in schönen Wohnungen auf großen Bildschirmen mit Netflixserien die Zeit zu vertreiben. Die unteren drei Schichten, die vor allem im Süden der Stadt leben, bereiten den Behörden hingegen „Sorgen“, da sie die vorgeschriebene soziale Distanz nicht einhalten. Während die Stadt im Norden versucht, Krankenlager aus dem Boden zu stampfen, hat der Staat für den Süden „hunderttausend“ Polizisten bereitgestellt, um die öffentliche Notstandsordnung zu verteidigen, d.h. Plünderungen, Proteste und Hilferufe gewaltsam niederzuschlagen und Ansammlungen an Verkehrsknotenpunkten aufzulösen. 

Präsident Duque kommen die Notstandsgesetze gerade recht, um die gesellschaftliche Dynamik, die im November 2019 (aufgrund der vielen ungeklärten Morde an den ‚líderes sociales‘) zu einer landesweiten Bewegung geführt hatte, insgesamt zum Stillstand zu bringen. In Notsituationen ist es natürlich unerlässlich, Notfallmaßnahmen zu ergreifen, deren Durchführung dem Staat obliegt. In Zeiten des Kriegs, der Naturkatastrophe oder der Seuchengefahr entwickeln sich Ausnahmelogiken, die zu staatspolitischen Handlungen zwingen, welche Präsident Duque nicht besser oder schlechter ausübt als z.B. der französische Präsident Macron. Während aber auf der lokalen Ebene versucht wird, das soziale Engagement der Zivilgesellschaft zu stärken und auf traditionelle Formen der Nachbarschaftshilfe zurückzugreifen, scheint der Staat in Kolumbien seine Politik – neben der finanziellen Unterstützung weniger Banken – auf die Praxis der polizeilichen Gewalt über die „öffentliche Gesundheit“ zu reduzieren.2

Wer berechnet die Wirkung (oder zählt die Toten) des sozialen Traumas einer militärischen Reklusion in einem Land mit noch frischer Erinnerung an den (Bürger-)Krieg? Zudem ‚wohnen‘ in Bogotá Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen, die kein Zuhause haben, wo Netflix und der Lieferservice funktionieren, und für die nur wenige Tage des Betätigungsverbots den wirtschaftlichen Ruin bedeuten.

Womöglich wird die Epidemie selbst nur wenige Opfer fordern. Die politische Frage hingegen wird sein, wie lange die Gesellschaft und die lokale Ökonomie der viralen Notwendigkeit zur Quarantäne standhalten können. Die Strenge der Maßnahmen zu einem solch frühen Zeitpunkt könnte sich in sozialer und ökonomischer Hinsicht als ebenso so riskant erweisen wie die Laisser-faire-Haltung der Regierungen in Brasilien oder Mexiko. Im Übrigen ist es in Kolumbien durchaus denkbar, dass der Ausnahmezustand der Notsituation in einen längeren oder gar permanenten Ausnahmezustand übergeht. Die jüngere Geschichte, etwa unter dem Präsidenten Álvaro Uribe, dessen Zögling Duque ist, kennt hierfür einige Beispiele.

Auf Seiten der bürgerlichen Unterstützer des harten Kurses – gegenüber dem disziplinlosen Volk – ist eine eigentümliche Ideologie der Ergötzung an der Härte polizeilicher Maßnahmen entstanden. Man erprobt die Notsituation als eine Art Abenteuerurlaub zu Hause. Dies wird durch die Wahrnehmung gestützt, dass die jeweils ersten Kranken eines Landes zur privilegierten Schicht der Gesellschaft gehören. Wenn man schon krank würde, wäre es doch chic, wie Tom Hanks, Pink oder Prinz Charles per Facebook der Community zu verkünden, dass man jetzt ein Quarantäne-Tagebuch schreibt. In Ländern wie Kolumbien gehört es schon zum symbolischen Kapital, das Ergebnis eines der seltenen Corona-Tests überhaupt vorweisen zu können. Zu den Besonderheiten des Virus gehört sicher, dass die Krankheit nicht nur zur Ächtung der Befallenen führt, sondern in bestimmten Fällen auch eine Privilegierung zum Ausdruck bringt, zumindest was die Sichtbarkeit angeht. In den barrios pobres, den favelas und townships wird die Grippe, sofern sie es nicht schon längst tut, ungemessen wüten. 

Alain Badiou hat in seinem etwas einsilbigen Artikel „Über die epidemische Situation“3 die Tatsache hervorgehoben, dass der Coronavirus als Phänomen nichts Neues mit sich bringe. Der Virus schreibe sich, letztlich seit der Pest, in die lange Tradition der Seuchen ein, deren moderne Manifestationen Aids, Sars oder Ebola darstellten, und berge somit – ähnlich wie der Krieg – als Auslöserin des Ausnahmezustands innerhalb staatlicher Gebilde kein politisches Ereignis. Im Moment der Krise erweise sich rückwirkend allein die Fähigkeit zu Katastrophenschutz und Gesundheitsfürsorge, deren Privatisierung die eigentliche Ursache für die überforderten Krankenhäuser ist, als entscheidender Faktor. Das Subjekt befinde sich gleichsam in Quarantäne und müsse sich „wegducken“ bzw. abwarten, bis es wieder möglich sei, sich politisch zu betätigen. Notsituationen eignen sich nicht für gesellschaftliche Neuerung, diese Einsicht übernimmt Carl Schmitt schon von Machiavelli. 

Der wortgewaltige Ausdruck des Ekels über die massenhafte Vermüllung der sozialen Netzwerke durch rassistische Verschwörungstheorien ist ein starkes Moment von Badious Text, die bloße Verweigerung jeglicher Ereignisträchtigkeit des gegenwärtigen Moments hingegen ein Eingeständnis von Resignation. Aus meiner Sicht birgt die Corona-Zeit zumindest in einer Hinsicht Neues, nämlich mit Blick auf die Verbreitung und Simultanität der Krise als globalem Phänomen. Fast alle Staaten der Erde treffen zur gleichen Zeit ähnliche Maßnahmen, deklarieren auf je eigene Weise den Ausnahmezustand, erfinden biopolitische Maßregelungen ihrer jeweiligen Bevölkerungen, offenbaren – geradezu in Echtzeit durch Statistiken belegt – den Zustand ihrer Gesundheitssysteme bzw. deren ökonomischer (Ohn-)Macht, sich in der globalen Ökonomie unter Bedingungen von Rezession und Kapitalverknappung zu behaupten. 

Von Seiten der Staaten, vor allem der Organisation der (keineswegs mehr) Vereinten Nationen, wird keine globale Antwort zu erwarten sein. Im 21. Jahrhundert gilt selbst unter Verbündeten das Prinzip von Eigennähe, Abschottung und „sozialer Distanz“. Der Aktionismus der neuen demokratischen Anführer der heutigen Welt – Trump, Bolsonaro, Putin, Erdogan, Orban, Duterte – ist häufig ebenso erratisch, im Angesicht des Neuen, wie die krakenhafte Pseudoepidemiologie der sozialen Netzwerke, die perfiden Theorien zur Herdenimmunität oder die einfallsreichen Sonderwege des ‚Verbots‘ der Krankheit (Turkmenistan) bzw. der Behauptung ihrer Inexistenz (Weißrussland, Nordkorea). Gerade die totalitären Regime heben sich durch einen bizarren Liberalismus hervor, indem sie ihre Bevölkerungen – aufgrund einer „weltweiten kollektiven Psychose“ – zwingen, auf epidemisch bedingte Einschränkungen zu verzichten.

Die Coronakrise eignet sich ebenso gut für Fake-News wie zum politischen Missbrauch, etwa dem Zerschlagen sozialer oder religiöser Rechte. Jenseits des geheimen Kampfes um die epidemiologische Diskurshoheit – insbesondere die Fallzahlen der Kranken, Toten und Genesenden –, wird ein grausamer Krieg der Hospitäler ausgefochten, deren Betreiber sich gegenseitig das medizinische Gerät wegkaufen. Angesichts des anstehenden Wettlaufs zwischen der biologischen und der sozialen Sorge – die im unseligen Verhältnis zwischen den Virustoten und den Toten der virologischen Gegenmaßnahmen zum Ausdruck kommt – wird es letztlich nur darum gehen können, auf ein ziviles Subjekt zu setzten, welches sein Schicksal, ohne die Staaten, auf souveräne Weise in die Hand nimmt.

Wer kann mit Sicherheit sagen, dass es sinnvoller ist, ein Volk zu seiner eigenen Sicherheit einzusperren, als von der Rationalität und der Einsicht derjenigen zu profitieren, deren Eigeninteresse darin besteht, ihr Leben zu bewahren? Wenn es etwas gibt, das uns die Neuartigkeit der jetzigen Situation vor Augen führt, dann ist es die überraschende Gewissheit, dass man in Südpatagonien sterben kann, weil in Zentralchina eine Grippe ausgebrochen ist. Die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlage, der Ressourcen der Erde, die normalerweise im Verborgenen und Abstrakten vor sich geht, wird durch die plötzliche Hervorhebung der Bedrohung einzelner Leben sichtbar und konkret. Die Antwort auf die Krise kann nur aus der gemeinsamen Anstrengung derjenigen hervorgehen, die in eine globale Gemeinschaft investieren. Die ethische Aufgabe liegt somit auf der Hand, wenngleich bislang nur im Konzept der Utopie. Es wird überhaupt keine Lösung für das Überleben der Menschen geben, wenn es nicht gelingt, auf globaler Ebene einen Gesellschaftsvertrag der Vernünftigen zu gründen.

Die knappe Zeit des rasenden Stillstands ließe sich vielleicht nutzen, jetzt, da die halbe Welt zu Hause vor dem Computer sitzt. Im Angesicht der Kakophonie der bisherigen Reaktionen müsste man sich allerdings beinahe wünschen, dass die Krise noch etwas andauert. Denn je schneller die globale Ausnahmesituation vorbei ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass „nach Corona“ alles wieder in den alten Trott zurückfällt.

1 https://www.nzz.ch/feuilleton/giorgio-agamben-ueber-das-coronavirus-wie-es-unsere-gesellschaft-veraendert-ld.1547093
2 Dies ist der Hintergrund meines Artikels „Vivir en los tiempos de la prevención sanitaria“, der am 29. März in der kolumbianischen Tageszeitung El Espectador erschienen ist: https://www.elespectador.com/vivir/un-virus-se-vuelve-viral-la-vida-en-los-tiempos-de-la-prevencion-sanitaria-articulo-911733
3 https://qg.media/2020/03/26/sur-la-situation-epidemique-par-alain-badiou/



Gernot Kamecke // Autor und Übersetzer, lehrt Romanistische Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gastprofessor der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá. Forschung zu den Grenzbereichen von Literatur und Philosophie in der Moderne. 



Tag 20
Gerko Egert:
Das choreographische Regime Covid-19

TORSTEN KRAATZ / BUNDESWEHR / AFP
http://www.afpforum.com/AFPForum/Search/ViewMedia.aspx?mui=3&hid=FE889636ECD23B73FA45392340F9D9653D9A952D6E50977403186D4FD0F2E96C&cck=5351c4

Ich habe in den letzten Tagen und Wochen viel gelernt: Über Zahlen und deren Verlaufskurven, über Infizierungsraten und den Unterschied von FFP 1, FFP 2 und FFP 3 Atemschutzmasken. Ich habe gelernt, dass mein Wohnzimmer ein Büro, eine Kneipe, ein Club und ein Theater sein kann, und dass ich dafür nur verschiedene Chatkanäle brauche. Und ich habe gelernt, dass mein Körper nicht dort aufhört, wo ich es – zumindest in meinem alltäglichen Handeln – die meiste Zeit angenommen hatte, nämlich nicht an meiner Haut, sondern 1,5 Meter davor (zumindest, wenn wir von den national durchaus variierenden Mindestkontaktabständen ausgehen). Wir leben – nicht nur zurzeit – mit und in einer Luftbewegungswolke, die aus Flugbahnen von Tröpfchen besteht, durch unser Atmen ständig in Bewegung gehalten wird und sich durch Husten (aber auch durch vielzählige andere Bewegungen) schlagartig vergrößern kann. Und das ist gefährlich

Meist sind mir die Ausmaße meines Luftbewegungskörpers – auch in diesen Tagen – egal, ja sie würde mich sogar im Umgang mit meiner Umwelt stark behindern. Um mich auf einen Stuhl zu setzen, ist es gut, wenn ich mich nach meinen gewohnten Körpermaßen und Bewegungen richte. Auch das Öffnen einer Tür ist nur durch meine habitualisierten Hangriffe und das Wissen um die Begrenzung meiner Gliedmaßen durch die Haut möglich. Ganz anders sieht es jetzt jedoch im Kontakt mit Menschen aus: Beim Spazierengehen und Einkaufen achte ich genau auf meinen neuen Körper, verschiebe die Vorstellungen meiner Bewegungen, versuche Luft- und Atemströme miteinzubeziehen und verlasse mich der Einfachheit halber auf die vorgegebenen 1,5 Meter Abstand. SARS-CoV-2 – so könnte man sagen – ist in meine Wahrnehmung wie auch meine Bewegungen gedrungen. Die Ausbreitung des Virus choreographiert meine Bewegungen.1 Wenn jemand – sei es aufgrund einer engen Kreuzung, oder eines schmalen Gangs im Supermarkt – in meine Bewegungswolke eindringt, diese unmerklich durcheinanderwirbelt, versuche ich auszuweichen, den Eindringling aus meinem Bewegungskörper zu entfernen, die Wirbel wieder zu kontrollieren. Dass ich bei dieser Unternehmung selten erfolgreich bin liegt u.a. daran, dass ich die uns alle umgebenen Luftbewegungen – erzeugt durch Wind, Wärme, andere Menschen, etc. – unbeachtet lasse. Ihre schier unglaubliche Komplexität macht mir die Kontrolle über meinen neuen Körper unmöglich: Jede noch so kleine Bewegung erzeugt neue Luftströmungen, die mit anderen interferiert. Ein Feld unzähliger clinamen (Lukrez) entsteht, das weder in seinen Verläufen noch in seinen Ausdehnungen zu kontrollieren ist. Mein Körper ist zu einem Aero-Körper geworden. Ein Körper der Zirkulationen, von dem lediglich ein Teil sichtbar ist, der bei weitem nicht die Vielzahl der Bewegungen und Zirkulationen umfasst. Und am Ende achte ich im Supermarkt wieder nur auf die vorgegebenen 1,5 Meter, um mich nicht in Wirbeln und ihren Verlaufsfunktionen zu verlieren.

Covid-19 prägt – und das klingt so offensichtlich wie es ist – unsere alltäglichen Bewegungen. Dies liegt an den ebenso banalen Feststellungen, dass Kontakt (zumindest der Kontakt, um den es hier wie auch in den zahlreichen Regelungen des Staates zur Kontaktbeschränkung geht) ohne Bewegung nicht möglich ist. Wir nähern uns an, wir entfernen uns, und wir durchkreuzen uns mit unseren Bewegungskörpern ständig (gerade etwas weniger). 

Dass es bei der Eindämmung der Covid-19 Pandemie um menschlichen körperlichen Kontakt als die wohl wirksamste Infrastruktur des Virus SARS-CoV-2 geht, und dass dieser durch Bewegung eingedämmt werden kann, scheint sich auf gleich dreifache, wenn auch teils widersprüchliche Weise durchzusetzen. 1. In den Ausgangsbeschränkungen, wie sie in Deutschland vielerorts zurzeit (7.4.2020) wirksam sind. 2. In der Diskussion über die Auswertung von Bewegungsdaten und 3. In der Diskussion, um die Wiederherstellung von Bewegungsmöglichkeiten, damit Wirtschaft nicht ‚gänzlich zusammenbricht‘. Punkt zwei und drei befinden sich dabei (noch) auf der Ebene der Diskussion.

Die Politik der Bewegungsbeschränkung mittels Ausgangsbeschränkungen wurde in Deutschland vielerorts eingeführt. Obwohl die Richtlinien der Bundesregierung eine Kontakteinschränkung zur Übertragung von Viren vorsahen, nahmen dies zahlreiche Politiker*innen zum Anlass, weniger den Moment des Kontakts, als die damit (vermeintlich) verbundenen Bewegungen zu reglementieren. Statt des Kontakts wird die Bewegung eingeschränkt. Sie macht den Kontakt unvorhersehbar, sie scheint gefährlich zu sein. Sie ist umfangreicher und leichter zu kontrollieren als die „nur“ momenthaft stattfindenden Kontaktereignisse. Bewegung ist der Modus der Regulation. Zwar ist Kontakt nur mit Bewegung möglich, doch werden ebenso zahlreiche Bewegungen verboten, die gar nicht zum Kontakt geführt hätten. Es ist eine choreographische Politik, die der Staat hier implementiert, eine Politik, die vor allem über die Beschränkung und das Verbot von Bewegungen operiert, und die sich damit in einer lange Reihe von Abschirmungspolitiken2 einreiht, wie sie seit dem Mittelalter immer wieder Verwendung fanden. 

Die zweite Politik ist neuer und vielleicht sogar so neu, dass es zumindest der deutschen Regierung schwerer fällt, diese einzusetzen: die Überwachung von Bewegungen mittels der Kontrolle von Bewegungsmustern. Dass die Bewegungen von Smartphones seit langem ausgewertet werden, weiß jede*r, die sich mal gefragt hat, wie Google Maps in Echtzeit Staus anzeigen kann. Und so verwundert es auch nicht, dass Google nun innerhalb kurzer Zeit weltweite Statistiken zum Verlauf von Bewegungsaufkommen bereitstellen konnte. 

Doch auch bei der Pandemiebekämpfung mittels Bewegungskontrolle wird Bewegung mit Kontakt verwechselt: Warum müssen so umfangreiche Bewegungsdaten generiert, gespeichert, kontrolliert und ausgewertet werden, wenn es doch um den Kontakt einzelner Menschen geht? Johannes Abeler, Matthias Bäcker und Ulf Buermeyer haben dagegen ein System vorgeschlagen, das gerade nicht von der Bewegung, sondern vom Kontakt ausgeht und damit nicht auf der zentralen Speicherung standortbezogener Daten, sondern auf dezentralen Kontaktereignissen (zwei Mobilfunkgeräte befinden sich nahe beieinander) basiert.3 Aber auch hier scheint das Interesse der Regierung an der Stärkung einer neuen choreographischen Politik – jener der Kontrolle (statt des Verbots) von Bewegung – groß zu sein. Wenn Bewegungsprofile nicht nur ausgewertet, sondern gleich für jeden online einsehbar gemacht werden, fungieren Litauen https://www.lrt.lt/naujienos/lietuvoje/2/1152462/koronavirusas-uzsikretusiu-zmoniu-marsrutai-pasitikrinkite-ar-jusu-ten-nebuvo und Südkorea http://coronamap.site/ als Vorbilder.

Die dritte Bewegungspolitik, die gerade zur Diskussion steht, ist jene, die vor allem möglichst schnell jene Bewegungsfreiheiten zurückgewinnen will, die die Zirkulationen der Wirtschaft wieder in Gang bringen. Auch sie richtet sich vor allem gegen ein Verbot von Bewegungen und lässt sich am ehesten mit der Politik des Neoliberalismus beschreiben. Anders als in der großflächigen Kontrolle (bzw.: Hand in Hand mit dieser) geht es dabei – wie Foucault in einem berühmten Zitat formuliert – „darum, die Zirkulation zu organisieren, das, was daran gefährlich war, zu eliminieren, eine Aufteilung zwischen guter und schlechter Zirkulation vorzunehmen und, indem man die schlechte Zirkulation verminderte, die gute zu maximieren.“4 Diese Logik findet sich vor allem in den Äußerungen jener wieder, die eine Trennung von arbeitender Bevölkerung (gute Zirkulation) und Risikogruppen (schlechte Zirkulation) befürworten und so ein choreographisches Management der Bewegungsmöglichkeiten etablieren will, das allein ihrem höchstes Ideal, dem aus der Logistik bekannten reibungslosen flow folgt.

Allen drei Politiken wohnt ein je spezifisches „choreographisches Regime“5 inne: Bewegungen stoppen, kontrollieren, oder managen. Alle drei Regime waren auch vor der Covid-19 Pandemie am Werk und haben seit langem unsere Bewegungen regiert. Doch selten standen sie in einem Feld so direkter Aushandlungen. Indem die Bewegung des menschlichen Körpers zur Infrastruktur jener globalen Zirkulation der Viren selbst geworden ist, und der Moment des Körperkontakts zu dessen bedeutendster Schaltstelle, die es zu unterbrechen und regulieren gilt, hat sich eine Biopolitik durchgesetzt, die sich – um einen Begriff von Fred Moten und Stefano Harney aufzugreifen – auf eine „logistische Bevölkerung“ richtet.6

Und so habe ich noch etwas in den letzten Tagen hinzugelernt: Dass der Körper sich in den  Covid-19 Politiken nicht einfach nur um 1,5 Meter in jede Richtung ausgedehnt hat, sondern selbst zu einem Luftbewegungsfeld geworden ist. Dies ist jedoch nicht das Zusammenspiel freier Strudel, vielmehr sind die Bewegungen durchzogen von einer choreographischen/logistischen Politik der Bevölkerungsregulation. In der aktuellen Situation sind diese Aero-Körper – ihre Bewegungen und Möglichkeiten zum Kontakt – zugleich Ziel und Werkzeug des choreographischen Regime Covid-19.


1 Gia Kourlas, Tanzkritikerin der NY Times, hat – darauf hat bereits Jörg Dünne in seinem Beitrag (Link) hingewiesen – die choreographische Dimension der Chorvid19 Pandemie wie folgt beschrieben: „We are in this together, and movement has morals and consequences — its own choreographic score, or set of instructions — in this age of the coronavirus.“

2 Vgl. hierzu beispielsweise die Ausführungen von Michel Foucault, zu den von der Pest geplagten Städten im Mittelalter und ihre Politik der Abschottung, der Ausgehverbote und damit der rigiden Bewegungseinschränkung. Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977.
3 Ulf Buermeyer, Johannes Abeler und Matthias Bäcker: „Corona-Tracking & Datenschutz: kein notwendiger Widerspruch“, auf: Netzpolitik.org. https://netzpolitik.org/2020/corona-tracking-datenschutz-kein-notwendiger-widerspruch/
4 Michel Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität 1. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2006, S. 37
5 Das Konzept des „choreographischen Regimes“ beschreibt eine auf Bewegung gerichtete und zugleich mittels Bewegung operierende Politik. Choreographie wird dabei nicht im Sinne tänzerischer Bewegungsproduktion, sondern als Machttechnik der Bewegung, als „Choreomacht“ verstanden. Vgl: https://gerkoegert.com/choreopower 
6 Stefano Harney und Fred Moten: Die Undercommons. Flüchtige Planung und schwarzes Studium. Übers. v. Birgit Mennel und Gerald Raunig. Wien u.a.: Transversal 2016, S.107


Gerko Egert //  ist Tanz- und Theaterwissenschaftler aus Berlin und derzeit Fellow am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der JLU Gießen. Er forscht zu (nicht-) menschlichen Choreographien, Politiken und Macht der Bewegung, Prozess- und Wahrnehmungsphilosophien sowie Theorien der Ökologie und des Wetters. Zuletzt:
Moving Relation. Touch in Contemporary Dance. Translated by Rett Rossi. London and New York: Routledge 2020.